Seit ein paar Wochen irrlichtert eine Gruppierung selbsternannter Medienkritiker durch die lokale Öffentlichkeit – mit der wenig verschleierten Vorstellung, die Osnabrücker Tageszeitung NOZ habe publizistische und unternehmerische Entscheidungen gefälligst nach ihren Vorgaben zu treffen.
Und bevor erneut jemand versucht, aus einem klar gekennzeichneten Meinungsbeitrag eine justiziable Tatsachenbehauptung zu konstruieren: Was hier folgt, ist genau das – ein Kommentar. Eine Meinung. Eine persönliche und kompakte Einordnung – wer sich ein eigenes Bild machen möchte, kann sich das Ganze auch im Original anhören: Hier der Spotify-Link.
Ein Kommentar von Heiko Pohlmann
Wer wissen möchte, worum es der Initiative „Aktion NOZ-kritisch“ wirklich geht, muss also eigentlich nur zuhören. Gelegenheit dazu bietet ein Podcast des Blogs „Osnabrücker Rundschau“. Dort durften Vertreter der Initiative ausführlich darlegen, was sie antreibt – und taten das erstaunlich offen. Schon der Einstieg hat seinen ganz eigenen Charme. Eine NOZ-Kritikerin berichtet stolz, wer sich da versammelt habe: Menschen „aus verschiedensten Ecken“, darunter auch solche „mit Doktortitel“. Nun denn – sowohl die Chefredaktion dieser Zeitung als auch die des größeren Wettbewerbers kommen ohne aus. Müssen wir uns also bereits an dieser Stelle geschlagen geben?
Die Kritik richtet sich dabei nicht nur gegen einzelne Kommentare, journalistische Zuspitzungen oder die Abschaffung der Kommentarfunktion. Auch der Umstand, dass der Mantelteil der NOZ – wie bei Regionalzeitungen üblich – von mehreren Blättern eingekauft wird und man gelegentlich Inhalte anderer Medien übernimmt, wird beklagt. Das eigentliche Problem scheint jedoch ein anderes zu sein, das zeigt der Podcast deutlich: dass bestimmte Meinungen überhaupt erscheinen dürfen. Dass Gastautoren eingeladen werden, deren Ansichten den Initiatoren missfallen. Dass es Kommentare gibt, die politisch nicht ins eigene Weltbild passen; die sind dann für Co-Gastgeber Heiko Schulze „gruselig“.
Der Ton der Runde ist dabei durchaus aufschlussreich – und würde in anderer Konstellation vermutlich rasch als „Hass und Hetze“ bezeichnet. Der Physiker und Kabarettist Vince Ebert, seit Jahren auf deutschen Bühnen und im Fernsehen präsent, wird vom Podcast-Gastgeber Kalla Wefel kurzerhand als „Pottsau“ bezeichnet – unwidersprochen.
Anlass: Ebert war zu einem Gespräch für das YouTube-Format von NOZ-Politikchef Michael Clasen eingeladen worden und hatte zuvor mit dem konservativen Portal NIUS gesprochen. Mehr braucht es in diesen Kreisen offenbar nicht, um jemanden öffentlich zu diffamieren.
Ähnlich geht man mit der ehemaligen Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein um. Die vielfache Olympiamedaillengewinnerin und Bundespolizistin hatte einen Gastbeitrag veröffentlicht – im Podcast wird das als „unsägliche Frechheit“ bezeichnet, dass sie in der NOZ schreiben „durfte“. Argumente werden nicht genannt und spielen offenbar auch keine Rolle; stattdessen wird die Legitimation der Person selbst infrage gestellt. Ihre Vorgeschichte, die sicher eine Rolle in der reflexartigen Ablehnung spielt: Sie hatte sich 2023 öffentlich und in Uniform für eine konsequentere Anwendung geltenden Rechts bei der Abschiebung abgelehnter Asylbewerber ausgesprochen. Zuvor hatte die Ausnahmesportlerin sich für die CDU um ein Bundestagsmandat beworben. Und dann auch noch das: Die NOZ ließ sie einen kritisches Essay über Wokeness, die traditionelle Familie und Ostdeutschland schreiben – übrigens auch der Essay ist ein klassisches „Meinungsformat“ – journalistische Königsklasse!
Doch wer die Wokeness kritisch hinterfragt, steht für die NOZ-Kritiker wohl bereits zu weit rechts – weil so etwas ja nicht links ist – genau wie Familie; und Ostdeutschland sowieso.
Und hat Pechstein irgendetwas Verbotenes in der NOZ geschrieben oder gefordert? Natürlich nicht – eine konservative Gastautorin mit CDU-Verbindungen passt einfach nicht ins Weltbild, nochmals: „unsägliche Frechheit“.
Auch bei der weiteren Bewertung journalistischer Kommentare wird nicht mit Herabsetzungen gespart. Beiträge und Autoren, die politisch missfallen, werden pauschal als „demokratiezersetzend“ bezeichnet. Wer so argumentiert, verlässt die Ebene der Debatte und erklärt missliebige Meinungen kurzerhand zum Problem für das, was inzwischen oft als „unsere Demokratie™“ bezeichnet wird und ebenso oft bei genauerer Betrachtung genau das Gegenteil bedeutet.
Besonders interessant wird es, wenn man den Podcast-Gastgeber erneut selbst reden hört. Eine weitere drastische Bemerkung bleibt im Küchen-Studio wieder unwidersprochen stehen: „Okay, das ist keine verbotene Meinung, ne. Leider noch nicht.“ Man darf so einen Satz nicht einfach überhören. „Leider noch nicht.“ Deutlicher lässt sich kaum formulieren, worum es geht und man sich offenbar wünscht: keine anderen Meinungen!
Während die Initiative öffentlich gern betont, es gehe lediglich um Kritik an einzelnen Kommentaren oder journalistische Qualität, zeigt der Podcast ein anderes Bild. Dort wird nicht nur über Inhalte gestritten – dort wird auch darüber gesprochen, ob bestimmte Positionen überhaupt im öffentlichen Diskurs vorkommen sollten.
Die Initiative entlarvt sich damit letztlich selbst. Während andernorts jeden Tag komplette Zeitungen entstehen – mit Recherchen, Reportagen, Kommentaren und einer Vielfalt an Meinungen, eine Vielfalt übrigens, die im Podcast sogar mehrfach aber eher kleinlaut eingeräumt wird – besteht die sichtbarste Aktivität der Initiative bislang darin, sich über die Arbeit anderer zu empören. Immerhin arbeitet man inzwischen an einer eigenen Webseite und plant in zwei Monaten das nächste Treffen. Das ist ein Anfang.
Aber vielleicht zeigt gerade dieser Kontrast am deutlichsten, wie leicht es ist, Journalismus von außen zu kritisieren – und wie viel schwieriger es ist, ihn tatsächlich zu machen. Eine Herausforderung, an der sich auch die Podcast-Gastgeber regelmäßig versuchen – mit überschaubarem Ergebnis. Statt selbst einen Beitrag zur Medienvielfalt zu leisten, wird halt lieber die Leistung und vor allem die Meinung anderer kritisiert – ist ja auch einfacher.
[Gruß vom Herausgeber] Liebe Leserin, lieber Leser, schön, dass Sie bis zum Ende durchgehalten haben. Meinungsbeiträge spiegeln immer nur die Ansichten des jeweiligen Autors wider – nicht die der gesamten Redaktion. Mein Anliegen – und das unserer Redaktion – ist es, in gekennzeichneten Meinungsbeiträgen wie diesem Denkanstöße zu geben. Ob Sie zustimmen, ablehnen oder irgendwo dazwischenstehen: Wenn ein Kommentar neue Perspektiven eröffnet oder auch nur zum Nachdenken anregt, haben wir unsere Aufgabe erfüllt.
„Denken ist schwer, darum urteilen die meisten.“ (C. G. Jung)
Bitte denken Sie mehr. Ihr Heiko Pohlmann
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