Es fing alles an, als Nicolas Jürgens bei seinem ehemaligen Arbeitgeber seinen Hund nicht mehr mit ins Büro nehmen durfte. Aus der Idee des Wirtschaftspsychologen entstand die eigene Wirtschaftspraxis Jürgens und schließlich die Akademie für Wirtschaft und Psychologie. Im Gespräch erklärt Jürgens der HASEPOST, welche Probleme in der Arbeitswelt psychische Belastungen verstärken und wie er zu betrieblichem Gesundheitsmanagement beiträgt.
Die Wirtschaftspraxis Jürgens
„Als mein Hund Max nicht mehr mit zur Arbeit durfte, hat mich das gezwungen, über meine eigenen Grenzen und die Balance zwischen Arbeit und Verantwortung nachzudenken und mir wurde klar, dass ich in dieser Struktur langfristig wahrscheinlich in einen Burnout gelaufen wäre“, erinnert sich Nicolas Jürgens im Gespräch mit unserer Redaktion. Aus dieser Erfahrung entstand die Idee zur eigenen Wirtschaftspraxis – und später die Akademie für Wirtschaft und Psychologie. Beide verfolgen ein klares Ziel: Theorie in die Praxis bringen und nicht Symptome, sondern Ursachen behandeln.
Die Wirtschaftspraxis Jürgens bietet Workshops, Weiterbildungen, Coachings und individuelle Beratungen für Unternehmen, Angestellte und Gründer. Im Mittelpunkt steht dabei immer das Zusammenspiel von Mensch und System. „Ganz wichtig ist, dass das Problem in der Regel das System ist, nicht der Mensch“, erklärt der Wirtschaftspsychologe, der seinen Bachelor und Master in Wirtschaftspsychologie an der Universität Bielefeld und in Berlin absolvierte. Aus wirtschaftspsychologischer Sicht entstehe psychische Belastung vor allem dort, wo Arbeit schlecht organisiert sei: wenn hohe Anforderungen auf geringe Entscheidungsspielräume treffen, wenn Prioritäten unklar bleiben und Überlastung zum Dauerzustand wird. „Häufig sollen Mitarbeitende widerstandsfähiger werden, obwohl die Ursachen strukturell sind – das ist ein Problem,“ so Jürgens.
Sein Ansatz zielt deshalb auf nachhaltige Veränderungen in der Arbeitsorganisation. Langfristig möchte er ein Netzwerk aufbauen, das Unternehmen mithilfe eines Campuszugangs, Expertenbegleitung und digitaler Tools dabei unterstützt, Arbeitsschutz, Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) und psychische Gesundheit strukturell und dauerhaft zu verankern.

Nicolas Jürgens legt in seiner Wirtschaftspraxis viel Wert auf eine Wohlfühl-Atmosphäre. / Foto: Wirtschaftspraxis Jürgens
Aushängeschild: Akademie für Wirtschaft und Psychologie
Die Akademie für Wirtschaft und Psychologie ist aus der praktischen Arbeit mit Unternehmen entstanden. In vielen Betrieben zeigte sich, dass es an interner Kompetenz fehlt, um Themen wie Arbeitsschutz, psychische Belastungen, Betriebliches Eingliederungsmanagement oder Gesundheitsmanagement dauerhaft umzusetzen. Spätestens während der Corona-Pandemie wurden diese Lücken sichtbar, gleichzeitig waren klassische Schulungen kaum noch möglich. Daraufhin baute Jürgens eine eigene Akademie mit digitaler Lernplattform und Campus auf. Die Weiterbildung findet überwiegend online statt und wird durch eine App, digitale Tools, Vorlagen und Lernmaterialien ergänzt. Zum Start gibt es eine gemeinsame Kick-off-Veranstaltung, in der sich die Teilnehmenden vernetzen und in die Struktur eingeführt werden.
Die Kurse an der Akademie für Wirtschaft und Psychologie finden über die Lernplattform statt. / Foto: Wirtschaftspraxis Jürgens
Die zertifizierte Ausbildung richtet sich sowohl an Personen mit Vorerfahrung im Betrieblichen Gesundheitsmanagement als auch an Berufstätige ohne spezielle Vorkenntnisse, die jedoch praktische Arbeitserfahrung mitbringen. Ziel ist es nicht, externe Lösungen einzukaufen, sondern interne Kompetenz aufzubauen. Mitarbeitende sollen befähigt werden, Arbeitsschutz, betriebliches Gesundheitsmanagement und betriebliches Eingliederungsmanagment eigenständig im Unternehmen umzusetzen. Besonders wichtig ist Jürgens die Nachhaltigkeit. Teilnehmende behalten dauerhaft Zugang zum Campus, können auch Jahre später Tutorien buchen und fachlichen Rat einholen. So entstehe kein einmaliger Schulungseffekt, sondern ein langfristiges Kompetenznetzwerk. „Praktische Umsetzung heißt für uns: befähigen, begleiten und langfristig verfügbar bleiben.“
Ganzheitliches Gesundheitsmanagement im Fokus
Nach Jürgens Erfahrung konzentriert sich klassisches betriebliches Gesundheitsmanagement häufig zu stark auf individuelle Gesundheitsförderung, während zentrale Pflichtbereiche wie Arbeitssicherheit, Gefährdungsbeurteilungen oder betriebliches Eingliederungsmanagment zu wenig berücksichtigt werden. Deshalb setzt er auf ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheitsmanagement. Menschen innerhalb einer Branche kennen die konkreten Belastungen ihres Arbeitsalltags oft sehr genau. Genau hier setzt sein Konzept an: Mitarbeitende werden gezielt weitergebildet, um innerhalb ihres Unternehmens Verantwortung für ein integriertes Gesundheitsmanagement zu übernehmen – mit Blick auf Organisation, Führung und Strukturen.
Politik zwingt Unternehmen zum Handeln
Ab 2026 gilt bundesweit eine neue Vorgabe im Arbeitsschutz: Mindestens fünf Prozent aller Betriebe müssen pro Jahr besichtigt werden. Grundlage ist § 21 Absatz 1a des Arbeitsschutzgesetzes, eingeführt durch das Arbeitsschutzkontrollgesetz. Dabei geht es nicht um kurze Vor-Ort-Termine, sondern um systematische Besichtigungen und umfassende Systembewertungen. Geprüft wird, ob Arbeitsschutz im Unternehmen organisiert, dokumentiert und wirksam umgesetzt ist. Der Unterschied ist erheblich: Bislang lag die Kontrolldichte bundesweit bei etwa 0,8 bis 1 Prozent. Künftig müssen es fünf Prozent sein. Für Unternehmen bedeutet das eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit einer Überprüfung.
Ein Thema rückt dabei besonders in den Fokus: die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen inklusive Maßnahmen und Wirksamkeitsprüfung. Viele Betriebe stellen derzeit fest, dass sie hier strukturell noch nicht ausreichend aufgestellt sind. Gut vorbereitet sind vor allem Unternehmen, die Prävention als Führungs- und Organisationsthema verstehen. Schwieriger wird es dort, wo Arbeitsschutz bislang eher als Pflichtübung oder reines Dokumentationsthema behandelt wurde, weiß Jürgens aus der Praxis.
Blick in die Zukunft
Jürgens ist überzeugt, dass psychische Belastungen in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen werden. Die Arbeitswelt werde komplexer, digitaler und fragmentierter. Anforderungen, Informationsdichte und Multitasking nähmen zu, gleichzeitig steige der Druck auf Führungskräfte, Produktivität und Innovation unter Kostendruck sicherzustellen. Die Folgen zeigen sich bereits heute in steigenden Krankheitstagen und Frühverrentungen. Prävention müsse deshalb strukturell gedacht werden. „Der Arbeitsschutz muss sich weiterentwickeln“, sagt Jürgens. Während physische Risiken seit Jahrzehnten fest verankert seien, seien psychische Belastungen häufig nur ergänzt worden, ohne die Systematik grundlegend anzupassen.
Langfristig wünscht er sich, dass die Wirtschaftspraxis Jürgens als verlässlicher Partner für gesunde und leistungsfähige Arbeitswelten in der Region wahrgenommen wird. Wenn Unternehmen beginnen, psychische Gesundheit nicht als individuelles Problem, sondern als Organisationsaufgabe zu begreifen, sei ein entscheidender Schritt getan.
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