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Kommentar: Fakten schaffen an der Bremer Brücke, bevor sich die Realitäten ändern

Warum die Stadt nun im Schnelldurchgang das VfL-Stadion übernehmen soll

von Heiko Pohlmann 9. Februar 2026
von Heiko Pohlmann 9. Februar 2026
Kommentar zur Bremer Brücke / Grafik: ✨ mit KI generiert (DALL-E)
294
📍Ort des Geschehens: Bremer Brücke

Die fast 70 Millionen Euro, die der Umbau der Bremer Brücke kosten soll, sind bereits genehmigt. Da wirkt es doch wie eine Kleinigkeit – geradezu wie ein Akt der Entbürokratisierung –, dass der Stadtrat in seiner Sitzung am Dienstag dafür stimmen soll, das marode VfL-Fußballstadion in nur einem Schritt und damit quasi „über Dienstagnacht“ zu übernehmen.

Allein: Ich traue den vorgebrachten Argumenten nicht, mit denen dieser Aktionismus begründet wird. So wie ich übrigens auch nicht der Rechnung von Rat und Oberbürgermeisterin traue, nach der die Stadt lediglich „nur“ [sic!] knapp die Hälfte der kalkulierten Kosten von 67,3 Millionen Euro tragen müsse.

Angeblich, so die Erzählung im Rathaus und vermutlich auch bald an den Wahlkampfständen zur Kommunal- und Oberbürgermeisterwahl, wird „der Rest“, immerhin 34,3 Millionen Euro, über Kredite finanziert, die durch eine „marktübliche Pacht“ bedient werden sollen.

Ein Kommentar von Heiko Pohlmann

Ja klar, marktübliche Pacht und zahlen soll sie ausgerechnet der VfL. Ich kann mir gut vorstellen, wie die Vereinsführung des VfL nach den baustellenbedingten Ausfällen bei Ticket- und Bierbecher-Einnahmen zunächst argumentieren wird, man müsse die Pacht doch wenigstens so lange gestundet bekommen, bis man wieder auf gesunden Füßen steht. Und vielleicht – was zu begrüßen wäre – ist man gerade in die 2. Bundesliga aufgestiegen, die wird aber beim Spielereinkauf teuer = Stundung der Pacht. Oder man ist gerade mal wieder abgestiegen = Stundung der Pacht. Oder die Werbeeinnahmen brechen in einer künftig noch desolateren Wirtschaftslage ein, was auch immer = Stundung der Pacht.

Der VfL wird auch in Zukunft immer neue Gründe finden, warum der Steuerzahler für ihn zahlen soll. Und weil man in so einem Stadion nun einmal nichts anderes machen kann als Fußball spielen, wird sich die Stadt beugen und es hinnehmen, wenn der VfL seinen Verpflichtungen nicht nachkommt – ist das Stadion erst einmal schick renoviert. Auch hier gilt natürlich: Ich lasse mich gern eines Besseren belehren und bin gespannt auf die Zukunft.

Open-Air-Konzerte wird es auch nach der Renovierung nicht geben (das war dann zu teuer)

Zurück zum Millionenkredit, den also die neue Stadion-Eigentümerin, die Stadt, aufnehmen soll – nicht der VfL. Welche Bank würde auch einem aktuell drittklassigen Fußballverein, der finanziell ständig am Limit agiert und zwischen den Ligen pendelt, auch nur einen Bruchteil der benötigten Summe leihen?
Deswegen soll ja die Stadt Osnabrück unbedingt den Funktionsbau übernehmen, der tatsächlich für absolut nichts anderes als Fußballspielen geeignet sein wird, wie im vergangen Oktober bekannt wurde. Das Wort „Mehrzweckarena“ war den Planern wohl nicht bekannt oder nicht ins Pflichtenheft geschrieben worden? Eine Ausrüstung für Open-Air-Konzerte und der dafür notwendige ebenerdige Zugang zum Innenraum wurden – trotz Drängens einiger Ratsmitglieder und sogar eines Ratsbeschlusses  – schlicht nicht eingeplant. Das wäre dann wieder zu teuer gewesen, so die Argumentation.

Schick: Visualisierung der neuen Bremer Brücke / Grafik: PPP/RAUM+

Schick: Visualisierung der neuen Bremer Brücke / Grafik: PPP/RAUM+

Planung für Küche ist schon ausgeschrieben – Generalunternehmer: Fehlanzeige!

Was vielen Bürgern dieser Stadt – hoffentlich aber den Ratsmitgliedern – überhaupt nicht bewusst ist: Es ist keinesfalls sicher, ob es irgendwo in Europa auch nur einen Bauunternehmer gibt, der für die aktuell im Raum stehende Summe tatsächlich bauen kann und wird. Die europaweite Ausschreibung für einen Generalunternehmer ist meines Wissens (man möge mich korrigieren) noch gar nicht angelaufen. Ergebnis: offen. Glaubt man Branchenvertretern, dann sind Unternehmen, die in der Lage sind derartig große Projekte zu stemmen, aktuell vor allem an Projekten für Energie, Infrastrukturprojekte von Bund und Ländern, Bundeswehr und Rüstungsindustrie interessiert.

Es gibt als noch nicht einmal eine Ausschreibung? Halt! Für die Küchenplanung – die warum auch immer nicht vom Generalunternehmer übernommen werden soll – gibt es seit ein paar Tagen doch schon eine Ausschreibung. Ernsthaft!
Vielleicht können Fußballexperten, Juristen oder besser Schuldnerberater erklären, warum man bereits die Küche plant und dafür Geld ausgibt, wenn man doch noch gar nicht weiß, ob „die Hütte drumherum“ überhaupt gebaut wird. Schuldenexperte Peter Zwegat hätte das vermutlich als typischen Irrsinn von Leuten beschrieben, die einfach nicht mit Geld umgehen können. Aber vielleicht mancht man das so, wenn man ein Stadion nahezu komplett neu baut: Erstmal die Küche planen und darum dann das Stadion bauen?

Jeder private Bauherr würde von seinem Bankberater vermutlich die Kündigung der Geschäftsbeziehung erhalten, wenn dieser erfährt, dass der Kunde schon fleißig Geld für seine Einbauküche ausgibt, noch bevor überhaupt klar ist, wer sein Haus in welchem Kosten- und Zeitrahmen bauen wird. Oder um es hart zu sagen: ob überhaupt gebaut werden darf!

Warum werden die Ratsmitglieder so unter Druck gesetzt?

Aber zurück zur Ratssitzung am Dienstagabend und zu den Argumenten, warum dieses Bauprojekt – noch ohne Angebot eines Generalunternehmers, aber bald schon mit einer schicken neuen Küchenplanung versehen – nun quasi über Nacht in städtische Hände gehen soll.
Trotz angeblich guter Vorbereitung auf beiden Seiten, über Monate laufender Verhandlungen und Begleitung durch Sachverständige, Berater und Planer hat nun offenbar der VfL festgestellt, dass einzig eine sofortige und direkte Komplettübernahme der Bremer Brücke durch die Stadt rechtliche Klarheit schafft, den Umbau ohne Verzögerungen ermöglicht, den städtischen Haushalt entlastet und zugleich steuerliche Risiken für den Verein vermeidet.

Klartext also: Der Verein hat (angeblich) seine Hausaufgaben bei der steuerlichen Betrachtung des Umbau-Fahrplans nicht gemacht und nun – umgehend oder vielleicht auch zum strategisch passenden Zeitpunkt – die Stadt unter Druck gesetzt, mit der Information, dass er andernfalls zumindest zeitweise seine Gemeinnützigkeit verlieren könnte. Kein Scherz: ein Profifußballverein gilt als gemeinnützig, genau wie die Osnabrücker Tafel oder das Hospiz!

Abgesehen davon, dass es schon ein starkes Stück ist, dass in diesem ganzen Millionengeschacher rund um Fußball – zwischen DFB, Transferkosten für Profispieler und im Grenzbereich des Legalen agierenden Sponsoren aus dem Bereich der Sportwetten – ausgerechnet der Kern der ganzen Angelegenheit, ein Fußballverein, Steuerprivilegien genießt, dürfen sich die Ratsmitglieder auch gleich noch einem zweiten Argument geschlagen geben: Es soll jetzt schneller gehen!
Siehe oben: Bis auf schicke Pläne und die Ausschreibung einer Küchenplanung ist zwar noch nicht viel auf den Weg gebracht worden, und auch der ursprünglich für diesen Sommer angedachte Abriss eines ersten Tribünenteils wurde bereits ins Jahr 2027 verschoben. Aber nun ist es plötzlich eilig! Weil man unter Zeitdruck ja bekanntlich die besten Entscheidungen trifft?

Was, wenn eine neue Ratsmehrheit oder die Kommunalaufsicht ‚Nein‘ zum Projekt Bremer Brücke sagt?

Oder liegt es vielleicht auch daran, dass der 13. September „droht“ – also die Kommunal- und Oberbürgermeisterwahl? An deren Ende eine neue Ratsmehrheit das Projekt noch einmal neu bewerten könnte? Vielleicht, weil die Ausschreibung nach dem Generalunternehmer ausgerechnet kurz nach der Kommunalwahl mit dem Ergebnis enden könnte, dass so ein Umbau nicht für 70 und vielleicht auch nicht für 100 Millionen Euro oder mehr zu stemmen ist – was (siehe oben) eine Neubewertung geradezu erzwingen würde?

Will man vielleicht sogar Fakten schaffen – nicht nur mit der Ausschreibung einer Küche, sondern mit einer kompletten Projektübernahme –, um die Kommunalaufsicht in Hannover dazu zu bewegen, ein dann vollständig städtisches Projekt anders zu bewerten, als wenn die Bremer Brücke beziehungsweise die Mehrheit an der Stadiongesellschaft noch dem wenig kreditwürdigen VfL gehören würde?

Wenn man mich fragt: Es riecht nach Aktionismus und Trickserei. Aber vielleicht gibt es ja ganz rationale Gründe, die am Dienstag im Stadtrat vorgetragen werden? Ich bin gespannt! Bei einem städtischen Schuldenstand von aktuell deutlich über 700 Millionen Euro (siehe unsere Schuldenuhr hier unten) diesen drückenden Schuldenberg unter Einberechnung neuer Kredite um weitere zehn Prozent zu erhöhen, kann aus meiner Sicht allerdings kaum der richtige Weg für Osnabrück sein.

Schuldenstand der Stadt Osnabrück aktuell:
Lade... = +220,71 € / Min
i Mehr Infos zur Osnabrücker Schuldenuhr
Mutige und verantwortungsvoll handelnde Mitglieder des Osnabrücker Stadtrats sollten sich zumindest nicht unter Druck setzen lassen und wenigstens abwarten, ob das Stadion zu den prognostizierten Kosten überhaupt gebaut werden kann – und ob nicht die Kommunalaufsicht des Landes Niedersachsen das Projekt nicht sogar eine „rote Karte“ zeigt.
Immerhin bliebe der Stadt so ein riesiger Kostenbrocken erspart, und der VfL müsste sich entweder um eine private Finanzierung kümmern oder sich mit dem Gedanken anfreunden, dass die Standards ein wenig heruntergefahren werden müssen und ohne einen finanzkräftigen Sponsor – wie einst der legendäre Hartwig Piepenbrock – eben nur die 3. Liga möglich ist.

 


[Gruß vom Herausgeber] Liebe Leserin, lieber Leser, schön, dass Sie bis zum Ende durchgehalten haben. Meinungsbeiträge spiegeln immer nur die Ansichten des jeweiligen Autors wider – nicht die der gesamten Redaktion. Mein Anliegen – und das unserer Redaktion – ist es, in gekennzeichneten Meinungsbeiträgen wie diesem Denkanstöße zu geben. Ob Sie zustimmen, ablehnen oder irgendwo dazwischenstehen: Wenn ein Kommentar neue Perspektiven eröffnet oder auch nur zum Nachdenken anregt, haben wir unsere Aufgabe erfüllt.

„Denken ist schwer, darum urteilen die meisten.“ (C. G. Jung)
Bitte denken Sie mehr. Ihr Heiko Pohlmann


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Heiko Pohlmann

Heiko Pohlmann gründete die HASEPOST 2014, basierend auf dem unter dem Titel "I-love-OS" seit 2011 erschienenen Tumbler-Blog. Die Ursprungsidee reicht auf das bereits 1996 gestartete Projekt "Loewenpudel.de" zurück. Direkte Durchwahl per Telefon: 0541/385984-11

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