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Startseite AktuellKaufhof-Mitarbeiter fordern Oberbürgermeister Griesert zum Zuhören auf
AktuellOsnabrückWirtschaft

Kaufhof-Mitarbeiter fordern Oberbürgermeister Griesert zum Zuhören auf

von Heiko Pohlmann 31. Juli 2020
von Heiko Pohlmann 31. Juli 2020
Protest der Kaufhof-Mitarbeiter vor dem Rathaus / Foto: Pohlmann
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Der Oberbürgermeister ist im Urlaub, mit ihm auch die allermeisten anderen Vertreter von Politik und Verwaltung. So mussten etwa zwei Dutzend Kaufhof-Mitarbeiter und Funktionäre der Gewerkschaft ver.di am Freitagabend relativ ungehört vor dem Rathaus demonstrieren.

Einzig Giesela Brandes-Steggewentz von der Linkspartei hatte sich unter die wenigen Zuschauer der Performance gemischt, die nach Ansicht der Gewerkschaft das nicht zielführende „Leerstandsmanagement“ der Stadt symbolisieren sollte.

Pappkartons symbolisierten dabei mehrere bereits gescheiterte Einzelhandelsunternehmen wie Ihr Platz, Leder Rabe oder Sportarena, die inzwischen alle nicht nur aus der Innenstadt sondern ganz vom Markt verschwunden sind, sowie das ebenfalls in Schieflage befindliche Unternehmen Sinn-Leffers und natürlich das Kaufhaus Kaufhof, bei dem der Ausverkauf inzwischen begonnen hat.
Ein weiterer Pappkarton, mit „Hotel“ beschriftet, symbolisierte die scheinbar einzige verbliebene Alternativnutzung, die aktuell in der Innenstadt noch möglich scheint.

Mit Karstadt wurden gute Konzepte von Kaufhof beendet

Verschiedene Kaufhof-Mitarbeiter griffen zum Mikrofon und schilderten die aktuelle Lage. So beschrieb ein Mitarbeiter wie nach der Übernahme durch Karstadt ein funktionierendes System zur Warenbestellung, für das Tablets genutzt wurden, vom neuen Hausherren Karstadt durch ein mangelhaftes und altes PC-basiertes Bestellsystem abgelöst wurde.

Pappkarton-Performance vor dem Rathaus / Foro: Pohlmann

Pappkarton-Performance vor dem Rathaus / Foro: Pohlmann

Für Jahrzehnte bei Kaufhof gibt es 1.500 Euro „Abfindung“

Eine weitere Mitarbeiterin machte klar, dass auf die teils seit mehr als drei Jahrzehnten tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter keinesfalls eine attraktive Abfindung wartet. Lediglich 1.500 Euro – die zudem auch noch zu versteuern sind – gibt es als Mitgift für die sofortige Kündigung; oder als Alternative eine Aufnahme in die Transfergesellschaft, die jedoch nur auf sechs Monate angelegt ist.
„Bei Wind und Wetter zur Arbeit gequält, in den vergangenen Jahren auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichtet“, schilderte die Mitarbeiterin was von ihr und ihren Kollegen alles geleistet wurde, um dann so eine Abfindung zu bekommen.

Mit Kaufhof verschwindet die mittlere Preislage

Dass die Galeria Kaufhof für viele Mitarbeitende mehr als nur ein Arbeitsplatz, sondern „auch Familie“ war, beschrieb eine weitere Mitarbeiterin, die auch darauf verwies, wie mit dem Fortgang von Kaufhof die mittlere Preislage in Osnabrück bei vielen Produkten nicht mehr erhältlich sein wird. Die verbleibenden Wettbewerber bieten entweder Ramsch oder Hochpreis an, so ihr Fazit für das, was Osnabrück zukünftig ohne Kaufhof erwartet.

Die Gewerkschaftler appellierten an den Oberbürgermeister / Foto: Pohlmann

Die Kaufhof-Mitarbeiter und Gewerkschaftler appellierten an den Oberbürgermeister / Foto: Pohlmann

Ein ver.di Funktionär versuchte Hoffnung zu machen und erinnerte mehrfach daran, dass bis zur geplanten Schließung noch drei Monate verbleiben. „Mal schauen, was wir da noch hinbekommen“, so der Gewerkschaftsfunktionär nachdem mehrfach skandiert wurde „Herr Griesert, hör uns zu“.

Kommentar des Redakteurs

„Mal schauen, was wir da noch hinbekommen“ sagt der Gewerkschafter…
Ich fürchte „gar nichts“ bekommt Ihr hin!
Denn der Dampfer Kaufhof wurde wie einst die Titanic schon vor sehr langer Zeit auf einen Kurs geschickt, der nun leider zwangsläufig in den Untergang führt.
Wenn die Gewerkschaft noch weiter die Kapelle auf dem sinkenden Schiff spielen lassen will, kann sie das sicher fordern, mit einer realistischen Einschätzung der Lage hat das alles aber überhaupt nichts zu tun und streut den zu Recht verzweifelten Mitarbeitern nur Sand in die Augen.

Selbst wenn die Immobilie nicht erst kürzlich wieder von einem Investor an den nächsten Investor verkauft worden wäre (Kaufhof selbst trennte sich bereits in den 90er Jahren davon), gäbe es keinen betriebswirtschaftlich sinnvollen Weg wie Kaufhof in Osnabrück – und an mehr als 50 anderen vergleichbaren Standorten – zumindest kostendeckend weiterzuführen wäre.

Mal ganz ehrlich: Bei Kaufhof war schon seit Jahren nicht mehr viel los. An der Auswahl in den noch verbliebenen Sortimenten und den meist freundlichen Mitarbeitern hat es nicht gelegen.
Die vielbeschworene „mittlere Preislage“ ist aber nun mal genau das Segment, in der jetzt das Internet besonders stark ist.
Und die klassische Kaufhof-Kundschaft wächst nicht nach; die „Digital Natives“ kennen Kaufhof vermutlich nur noch aus Geschichten der Eltern und Großeltern. Und die kannten damals noch Kaufhäuser, in denen es wirklich „alles unter einem Dach gab“.

Es ist also eben nicht die Miete für die schon reichlich in die Jahre gekommene ehemalige Horten-Immobilie, es ist das überkommene Warenhaus-Konzept an dem Kaufhof krankt – und ein Handel, der sich ganz grundsätzlich weiterentwickelt hat, vor allem ins Internet, wo Kaufhof zwar mitspielt, aber als Player überhaupt keine Rolle spielt.

Es ist unredlich einen Provinzbürgermeister hier mehrfach in Sprechchören zum Handeln aufzufordern, wohlwissend, dass die Fehler viel früher gemacht wurden und unumkehrbar sind. Die Fehler wurden im Management gemacht, und das schon vor Jahrzehnten.
Und den zahlreichen schlechten Entscheidungen von damals folgten in der jüngsten Zeit weitere Fehlentscheidungen – die Fusion mit dem ebenfalls todkranken Karstadt-Konzern war eine davon. Eine Fusion mit einem Unternehmen, das ebenfalls keine Online-Kompetenz und keine Versandlogistik hat und vor allem für junge Zielgruppen schlicht nicht existiert!

Als man von der Brücke der Titanic endlich und viel zu spät den Eisberg im sich lichtenden Nebel erkannte, auf den man bereits seit Stunden einen verhängnisvollen Kurs genommen hatte, war es zu spät das Ruder herumzureissen.
Man brauchte ein Evakuierungskonzept und vor allem Rettungsringe und Rettungsboote. Die gilt es jetzt auch für die Kaufhof-Mitarbeiter zu organisieren!

Vertreter aller Parteien haben bei der letzten Ratssitzung gemeinsam mit dem Oberbürgermeister betont, wie wichtig es ist die Transfergesellschaft länger als nur sechs Monate zu betreiben. Dafür braucht es die Unterstützung von der Landesregierung, damit die erstmal vorübergehend aufgefangenen Mitarbeiter dann aus der Transfergesellschaft heraus neue Jobs finden können – zumindest einige. Das scheint zwar nur die zweitbeste Lösung zu sein, aber eine bessere Perspektive gibt es nicht; leider!

Was mit der Osnabrücker Innenstadt wird und dem euphemistisch betitelten „Leerstandsmanagement“, ist noch ein ganz anderes Thema. Das hat aber mit dem Niedergang von Kaufhof nur in soweit zu tun, dass hier jetzt schlicht ein weiterer und besonders großer Leerstand hinzukommt – und es werden bald noch mehr folgen.
Eine ganze Flotte von Einzelhandels-Dampfern ist unterwegs in den Untergang. Für die Kaufhof-Mitarbeiter wird es noch Rettungsboote geben. Die Unternehmen die bald folgen, werden vermutlich ganz still untergehen.

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Heiko Pohlmann

Heiko Pohlmann gründete die HASEPOST 2014, basierend auf dem unter dem Titel "I-love-OS" seit 2011 erschienenen Tumbler-Blog. Die Ursprungsidee reicht auf das bereits 1996 gestartete Projekt "Loewenpudel.de" zurück. Direkte Durchwahl per Telefon: 0541/385984-11

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