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Startseite AktuellMösers Meinung – zum Thema „Fröhlichkeit“
AktuellArchivMeinung & KolumneMösers Meinung

Mösers Meinung – zum Thema „Fröhlichkeit“

von Justus Möser 11. März 2016
von Justus Möser 11. März 2016
Mösers Meinung – zum Thema „Fröhlichkeit“
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Guten Abend,

heute begann der Frühjahrsjahrmarkt in Osnabrück.
Ich werde auch einen kleinen Bummel wagen, zwischen den bunten Lichtern hindurch, den fröhlichen Kindergesichtern und den besorgten Mienen der Eltern, die fürchten, daß ihnen die Kosten aus dem Ruder laufen. Manchmal scheint mir, daß es nur noch den Kindern gelingt, wirklich ganz unaufgeregt und aus vollem Herzen fröhlich zu sein. Den Erwachsenen gelingt das nur noch unter Aufbietung aller seelischen Kräfte und mit viel Mühe. Oder sie täuschen eine Fröhlichkeit vor, der man schon auf den ersten Blick anmerkt, daß sie nur aufgesetzt ist und nicht die wirkliche Befindlichkeit ausdrückt. Vielleicht werden deshalb die Komödianten in Deutschland immer beliebter. Wir lassen andere für uns fröhlich und lustig sein, weil wir vermeintlich keine Zeit für so einen Blödsinn haben. Und wir merken nicht einmal mehr, wieviel Lebensqualität uns dadurch verloren geht.

Ich habe mich derselbst zu dieser Problematik schon vor 250 Jahren in meinen „Patriotischen Phantasien“ geäußert: „In gewissen Ländern und besonders am Rheine läßt der Pfarrer des Sonntags das Zeichen mit der Glocke geben, wenn der Fideler in der Schenke auf die Tonne steigen darf; und nun fängt alles an zu hüpfen. In der ganzen Woche aber findet man daselbst keinen Menschen in der Schenke. In Frankreich, wo das Tanzen am Sonntag verboten ist, sieht man des Abends nach verrichteter Arbeit häufige Tänze, und die Nation ist nüchtern und fleißig. In Genf findet man die Handwerker alle Abend, wenn es die Witterung erlaubt, eine Stunde auf öffentlichen Plätzen, um sich von der unermüdeten Anstrengung des Tages zu erholen; und so ist überall, wo die Gesetzgebung auf Erfahrungen gebauet wird, Freude und Arbeit vermischt, und die eine dient der anderen mit mächtiger Hand. In andern Ländern hingegen – wo die Feiertage nach einer gebieterischen Theorie abgeschafft, die blauen Montage eingezogen, die Fastnachts-Lustbarkeiten verboten, die Leichen- und Kindelbiere zu genau eingeschränkt, alle Zehrungen untersagt, alle Kirmesfreuden durch den nie schlafenden Fiskus gestöret, und überhaupt alle Lustbarkeiten der Unterthanen so viel immer möglich, unterdrückt sind – sieht man die Leute weit häufiger in den Schenken, stiller und trauriger, aber öfterer trinken, und auch weniger fleißig arbeiten. Ihre Wirthschaft geht bei allen Einschränkungen schlimmer, und der niedergeschlagene Mensch schafft mit seinen Händen dasjenige nicht, was der lustige schafft.“ Ich finde, das gilt im Großen und Ganzen bis heute.

Mösers Meinung Jahrmarkt

Mit der Fröhlichkeit ist das in Deutschland so eine Sache. Wir haben nicht den schwarzen Humor der Engländer, die Lockerheit der Italiener, das Laissez-faire der Franzosen. Manchmal habe ich den Eindruck, daß sich die Regenwolken über unseren Gemütern gar nicht mehr verziehen wollen. Wir haben uns daran gewöhnt, immer ein bißchen traurig zu sein. Im Moment sind wir traurig, weil der Osnabrücker Neumarkt wieder für den automobilen Individualverkehr geöffnet ist, weil Donald Trump vielleicht der nächste US-Präsident wird, weil keiner weiß, was bei den bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg für ein Kuddelmuddel bei rauskommt, und weil uns der Rest der Welt, vor allem das übrige Europa, plötzlich nicht mehr ganz so doll mag, wie das noch vor einem halben Jahr der Fall war. Alles Gründe, um weit häufiger, als es uns gut tut, in den Schenken zu verweilen; still, traurig und am verzweifeln über die Ungerechtigkeit, mit der man uns behandelt.

Dabei brauchen wir uns nur an die eigene Nase zu fassen, um zu verstehen, warum in unserem Land immer wieder der Hochmut vor dem Fall kommt, warum wir ständig von einem Extrem ins andere stürzen. Wir schaffen es, innerhalb kürzester Zeit himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt zu sein. Und das sogar gleich landesweit. Das soll uns erstmal einer nachmachen. Es liegt wohl in unserer Natur, daß wir zu wenig über die Empfindlichkeiten und das werte Befinden unserer Mitmenschen nachdenken, daß wir unser Verhalten kaum selbstkritisch reflektieren und beim Erkennen von Fehlern und unbedachten Handlungen die Richtung unseres Tuns niemals ändern würden. Denn sowas macht ein guter Deutscher nicht. Wir stehen zu einmal getroffenen Entscheidungen, wir lassen uns von der Realität nicht aus dem Konzept bringen, wir glauben an uns, auch wenn wir nur Mist zustande bringen. Für Fröhlichkeit bleibt da natürlich wenig Platz, aber das ist uns letztendlich egal. Hauptsache, wir beweisen Standfestigkeit und zeigen den anderen, wo der Hase langläuft. Wir schaffen es bis heute nicht, Freude und Arbeit in einen vernünftigen Einklang zu bringen, auch mal fünfe grade sein zu lassen und das Leben zu genießen. Wir reden zwar ständig darüber, aber wir kriegen das einfach nicht hin. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ – das ist auch so ein gefährliches deutsches Sprichwort. Und trotzdem scheinen wir uns in unserem Wolkenkuckucksheim recht wohl zu fühlen. Wir schweben über den Dingen, und wir sind böse mit jedem, der es wagt, uns zu kritisieren. Dabei haben wir allerdings keine Scheu, den anderen mal gehörig die Leviten zu lesen und klarzustellen, was gut und richtig ist. Nur wenn das jemand mit uns tut, dann werden wir empfindlich. Und wenn es daran geht, die Konsequenzen für das eigene Handeln zu tragen, wenn mal wieder etwas richtig schiefgelaufen ist, dann sind wir Weltmeister im Suchen nach Schuldigen, die dafür gradezustehen haben. Auch das haben wir bis zur Perfektion verfeinert, da macht uns keiner was vor. Und darauf sind wir auch noch stolz.

Es gibt viele Menschen auf diesem Planeten, denen es schlechter geht als den Deutschen, aber trotzdem sind die meisten von ihnen weitaus fröhlicher als wir. Das sollte uns zumindest ein wenig zu denken geben. Es ist nie zu spät, sein Leben und seine Geisteshaltung zu ändern. Ich fange damit jetzt einfach mal an, ich werde mich auf der Frühjahrskirmes über Gebühr amüsieren und anschließend noch ausgiebig in den Schenken der Stadt verweilen. Zur Abwechslung mal laut und fröhlich, man muß ja nicht immer typisch deutsch sein!

Ich wünsche allen Hasepost-Lesern ein Wochenende, an dem es nichts zu kritisieren gibt. Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Ihr

Justus Möser

Hier alle bislang erschienenen Kolumnen von Justus Möser.

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Justus Möser

Justus ist unser "ältester Mitarbeiter", seit 1720 wandelt er durch unsere Stadt - wobei er inzwischen eher "geistert". Sein Vertreter in der Gegenwart ist unser Autor Wolfgang Niemeyer, der sich in dieser Kolumne regelmäßig darüber Gedanken macht „was würde Möser dazu meinen“?

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