2027 steigen Netzentgelte und neue Umlage – doch langfristig sinken die Preise.
Die Strompreise in Deutschland werden 2027 für viele Haushalte spürbar steigen. Grund dafür sind zwei Faktoren: Der staatliche Zuschuss zu den Netzentgelten sinkt von 6,5 auf rund 5,5 Milliarden Euro, wie der Focus unter Berufung auf den Regierungsentwurf zum Wirtschaftsplan des Klima- und Transformationsfonds berichtet. Zudem kommt eine neue Umlage für den Bau von Gaskraftwerken hinzu. Für einen Drei-Personen-Haushalt mit 4000 Kilowattstunden Jahresverbrauch könnten so rund 12 Euro Mehrkosten pro Jahr anfallen, schätzt das Vergleichsportal Verivox. Bei einem Paar mit 2800 Kilowattstunden wären es etwa 8 Euro, bei einem Single-Haushalt rund 5 Euro. Wer Strom selbst erzeugt, ist von diesen Erhöhungen deutlich weniger betroffen, da Netzentgelte und Umlagen nur für den aus dem Netz bezogenen Strom anfallen. Die genaue Höhe der neuen Gaskraftwerks-Umlage steht noch nicht fest, der Bundesverband Neue Energiewirtschaft rechnet jedoch mit etwa 0,54 Cent pro Kilowattstunde, was bei 5000 Kilowattstunden rund 25 Euro im Jahr ausmachen würde.
Strompreise sinken erst in den 2030ern
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sieht langfristig jedoch sinkende Strompreise. „Spürbare Entlastungen werden wir erst in den 2030er Jahren sehen“, sagte sie der Stuttgarter Zeitung. Die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und ein Netzpaket sollen die Kosten senken und den Ausbau der Erneuerbaren effizienter gestalten. So sollen ab 2027 neue Solaranlagen unter 25 Kilowatt keine dauerhafte Förderung mehr erhalten, und abgeschalteter Strom wegen Netzengpässen wird nicht mehr wie genutzter Strom vergütet. Reiche betont, dass die Energiewende nur dann erfolgreich sei, wenn Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit zusammenkommen.
Grüne warnen vor Ausbremsen der Energiewende
Kritik an den Plänen kommt von Grünen und Umweltverbänden, die eine Ausbremsung der Energiewende befürchten. Der Bundesverband Erneuerbare Energie etwa sieht die Ausbauziele als nicht erreichbar an. Reiche widerspricht dieser Einschätzung und verweist auf zusätzliche Investitionsmöglichkeiten und verlässliche Rahmenbedingungen. Die Windbranche könne sogar 12 Gigawatt mehr ausbauen als ursprünglich geplant, so die Ministerin. Gleichzeitig sollen neue Anlagen dort entstehen, wo bereits Netzkapazitäten vorhanden sind, um unnötigen Netzausbau zu vermeiden.
Industrie begrüßt Reformen für günstigeren Strom
Industrieverbände begrüßen die Reformen. Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie, betont, dass hohe Systemkosten Deutschland die höchsten Stromkosten unter den Industrieländern beschert hätten. Dies sei ein erheblicher Wettbewerbsnachteil. Reiche sieht in den Reformen einen Weg, die Energiewende kosteneffizienter und damit langfristig akzeptanzfähiger zu machen.
Zukunftsvision: Strom aus Millionen dezentralen Quellen
Parallel zu den politischen Maßnahmen entwickelt sich die Energieversorgung technologisch weiter. Experten wie Dr. Wolfgang Gründinger von Enpal beschreiben eine zukünftige „Terawatt-Gesellschaft“, in der Strom dezentral, preiswert und nahezu emissionsfrei aus erneuerbaren Quellen stammt, wie Chip berichtet. Solar- und Windkraft sollen das neue Rückgrat der Stromversorgung bilden, unterstützt durch digitale Netze und Millionen kleiner Erzeuger wie Solaranlagen oder Elektroautos. Diese könnten als mobile Speicher fungieren und zur Netzstabilität beitragen.
Doch bis dahin sind noch Hürden zu überwinden. Bürokratische Prozesse und fehlende digitale Infrastruktur bremsen den Ausbau in Deutschland aus. Während andere Regionen wie Kalifornien oder Australien bereits zeigen, wie Batteriespeicher gezielt eingesetzt werden können, fehlen hierzulande oft Smart Meter oder effiziente Förderprogramme. Die Energiewende erfordert daher nicht nur politische Reformen, sondern auch die konsequente Nutzung bestehender Technologien.