Zwei Hochgeschwindigkeitszüge stießen zusammen – Ursache noch unklar, menschliches Versagen möglich.
In der Provinz Toledo in Spanien sind am Mittwochmorgen zwei Hochgeschwindigkeitszüge kollidiert. Dabei kamen mindestens 69 Menschen ums Leben, wie der spanische Sender RTVE und der Merkur berichten. Ein Zug der staatlichen Bahngesellschaft Renfe fuhr von hinten auf einen stehenden Zug des privaten Unternehmens Iryo auf. Insgesamt saßen über 540 Passagiere in den beiden Zügen. Die Bergungsarbeiten dauerten die ganze Nacht an, wobei Rettungskräfte mit Kränen, Drohnen und Suchhunden nach weiteren Opfern in den Trümmern suchten. In der Nacht wurde eine weitere Leiche entdeckt, wie der Präsident der Region Kastilien-La Mancha, Emiliano García-Page, mitteilte. Die Zahl der Verletzten liegt bei über 100, von denen 18 auf Intensivstationen behandelt werden müssen. König Felipe VI. und Königin Letizia besuchten die Verletzten im Universitätskrankenhaus von Toledo und betonten die Notwendigkeit, die Ursachen des Unglücks zu klären, um solche Katastrophen künftig zu verhindern.
Menschliches Versagen als mögliche Unglücksursache
Die Ursache des Unglücks ist noch nicht abschließend geklärt. Verkehrsminister Óscar Puente deutete jedoch auf mögliches menschliches Versagen hin. Laut seinen Angaben war das automatische Zugsicherungssystem auf der Strecke ausgefallen, woraufhin die Leitstelle in Madrid die Kontrolle übernahm. Obwohl das System noch nicht wieder funktionierte, habe die Leitstelle dem Renfe-Zug grünes Licht zur Weiterfahrt gegeben, während der Iryo-Zug noch stand. Puente bezeichnete dies als eine „unerklärliche“ und „falsche“ Entscheidung. Die unabhängige Behörde für die Untersuchung von Unfällen (AITAT) hält es jedoch für „viel zu früh“, Hypothesen aufzustellen. Die spanische Zeitung El País berichtet zudem, dass die Leitstelle den Lokführern schriftlich und telefonisch die Anweisung erteilt habe, mit „normaler“ Geschwindigkeit weiterzufahren, obwohl die Vorschriften ein „Anfahren auf Sicht“ mit maximal 40 km/h vorsehen.
Proteste gegen Regierung nach Zugunglück in Madrid
In Madrid kam es am Abend zu Protesten vor dem Verkehrsministerium, an denen rund 1.500 Menschen teilnahmen. Ultrarechte Gruppierungen hatten zur Kundgebung aufgerufen, bei der es zu Spannungen mit der Polizei kam. Die Beamten setzten Tränengas ein, um die Demonstration aufzulösen, wie der Fernsehsender TVE berichtete. Die Proteste richteten sich gegen die Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez und Verkehrsminister Puente, die von den Demonstranten für das Unglück verantwortlich gemacht werden. Sánchez rief unterdessen eine dreitägige Staatstrauer aus und versprach eine umfassende Aufklärung. Sollte sich Fahrlässigkeit bestätigen, werde diese ans Licht kommen, betonte er.
Gewerkschaft fordert unabhängige Unfalluntersuchung
Die Lokführergewerkschaft Semaf kritisierte die Veröffentlichung von Mitschnitten aus der Leitstelle als „alarmierend und respektlos“ und forderte eine „gründliche und unabhängige Untersuchung“. Der für Donnerstag angekündigte Streik der Lokführer soll auf bessere Sicherheitsvorkehrungen aufmerksam machen. Die Gewerkschaft betonte, dass Schuldzuweisungen keine Tragödien lösen, sondern die Ursachen geklärt werden müssten.
Zugunglück wirft Fragen zur spanischen Schienensicherheit
Das Unglück erinnert an einen ähnlichen Vorfall im Januar dieses Jahres bei Adamuz in Andalusien, bei dem 46 Menschen starben, als ein Iryo-Hochgeschwindigkeitszug entgleiste und mit einem entgegenkommenden Renfe-Zug zusammenstieß. Damals wurde ein Schienenbruch als mögliche Ursache vermutet. Die aktuelle Katastrophe wirft erneut Fragen nach der Sicherheit des spanischen Hochgeschwindigkeitsnetzes auf, das eigentlich als eines der modernsten der Welt gilt.