Mit „Peter van Pels“ bringt das Theater Osnabrück eine Opernuraufführung auf die Bühne, die sich mit dem Schicksal des Osnabrücker Juden Peter van Pels beschäftigt. Er wurde vor allem als Freund und Mitbewohner Anne Franks im Versteck in Amsterdam bekannt. Intendant Ulrich Mokrusch hat das Auftragswerk gemeinsam mit Komponist Anno Schreier und Librettist Joscha Schaback entwickelt und führt selbst Regie. Im HASEPOST-Interview spricht er über die Entstehung der Oper und darüber, warum die Geschichte von Peter van Pels weit über Osnabrück hinausweist.
Peter van Pels ist in Osnabrück geboren, aber vor allem durch Anne Franks Tagebuch bekannt. Wie sind Sie auf seine Geschichte gestoßen?
Ich wusste zunächst selbst gar nicht, dass Peter van Pels aus Osnabrück kommt. Ich glaube, das wissen erstaunlich viele Osnabrücker nicht. Ich bin über ein Buch darauf gestoßen, das sich mit der Frage beschäftigt, was nach der Entdeckung des Verstecks mit den Menschen passiert ist. Sieben von ihnen sind im Konzentrationslager gestorben, einer hat überlebt. Dann habe ich erfahren: Peter van Pels kam aus Osnabrück. Zu dem Zeitpunkt war ich erst ungefähr sechs Wochen hier am Theater Osnabrück. Und dann habe ich ein bisschen recherchiert und festgestellt, dass er gerade einmal 50 Meter von mir entfernt gewohnt hat. Das fand ich schon ziemlich schicksalsträchtig. Je weiter man recherchiert, desto mehr Menschen wie Martina Sellmeyer tauchen auf, die sich intensiv mit seiner Geschichte beschäftigt haben. Daraus ist irgendwann die Idee für die Oper entstanden.
Martinistraße 67a in Osnabrück: Hier lebte Peter van Pels mit seinen Eltern. / Foto: Dominik Lapp
Warum war Ihnen wichtig, dieses Auftragswerk selbst zu inszenieren?
Das Thema beschäftigt mich schon lange. Bei einem Auftragswerk muss man aber sehr früh Entscheidungen treffen: Welcher Komponist passt? Wer schreibt das Libretto? Wie grenzt man das Thema ein? Wie soll die Geschichte erzählt werden? All diese Fragen beschäftigen mich als Intendanten ohnehin. Deshalb lag es nahe zu sagen: Übernimm doch den gesamten Prozess. Also die Auswahl von Komponist und Librettist, die Gespräche über das Thema und die Konzeption. Wir haben uns beispielsweise gefragt: Erzählen wir die Geschichte chronologisch? Ist es eine Rückblende? Arbeiten wir mit Schlaglichtern? Wer ist das Zielpublikum? Ist es eine Jugendoper oder soll sie für alle sein? Das sind sehr viele Entscheidungen, die man am Anfang treffen muss. Und deshalb wollte ich den Prozess auch bis zur Inszenierung begleiten.
Wie findet man für ein solches Auftragswerk den passenden Komponisten und Librettisten?
Ich habe Kollegen und Musiker gefragt. Ein wichtiges Kriterium war, dass der Komponist erzählende Musik machen möchte – also wirklich Lust darauf hat, eine Geschichte mit Musik zu erzählen und sie auch für opernunerfahrene Menschen hörbar zu machen. Anno Schreier hat selbst gesagt, dass er für Publikum schreiben möchte. Das war mir sehr wichtig, weil das Thema natürlich auch stark in die Schulen hineinspielt. Wir haben viele Workshops und Angebote für Schülerinnen und Schüler.
Warum wurde ausgerechnet eine Oper daraus und kein Schauspiel?
Das Thema ist einfach so groß. Natürlich haben auch die Kollegen vom Jugendtheater gesagt: Das wäre doch etwas für uns. Aber dann hätte man nur eine kleinere Altersgruppe von vielleicht 15- bis 18-Jährigen erreicht. Ich finde das Thema so wichtig und so groß, dass man es auch im Großen Haus erzählen kann. Die Herausforderung besteht darin, dass wir nicht einfach nur das Tagebuch nacherzählen. Wir beginnen in Osnabrück, gehen über das Versteck in Amsterdam nach Auschwitz und schließlich nach Mauthausen bis zum Tod von Peter. Damit kommt man zwangsläufig zu der großen deutschen Frage: Wie geht man mit Auschwitz um? Für mich lag gerade in dieser Herausforderung der Reiz, das als Oper zu erzählen.
Historische Aufnahme des Wohnhaues in der Martinistraße.
Wie eng haben Sie mit dem Komponisten und Librettisten zusammengearbeitet?
Wir haben das gemeinsam mit unserer Musiktheaterdramaturgin Juliane Piontek angeschoben. Zunächst haben wir überlegt, wie wir uns das vorstellen. Dann haben sich die beiden zurückgezogen und einige Wochen später einen ersten Entwurf geschickt. Das hat von Anfang an ziemlich gut funktioniert. Joscha Schaback hat sogar gesagt, dass er das Libretto direkt an den Komponisten geben könnte, wenn wir damit einverstanden sind. Das ist nicht selbstverständlich. Oft gibt es eine Reibung zwischen Librettist und Komponist: Der eine schreibt etwas, der andere sagt, das funktioniert musikalisch nicht und braucht dafür noch Arien oder Duette. Das war hier überhaupt nicht so. Die beiden kannten sich bereits, und der Librettist ist selbst ein sehr erfahrener Theatermann. Das hat die Zusammenarbeit sehr erleichtert.
Die Oper dauert nur rund 70 Minuten. War das von Anfang an so geplant?
Wir haben im Vertrag festgelegt: mindestens 70 Minuten. Wir wollten außerdem Schulvorstellungen anbieten können und hatten die Erfahrung gemacht, dass eine Produktion mit mehr als anderthalb Stunden für Schulen schwierig zu vermitteln ist. Ich hatte durchaus Sorge, ob man ein solches Thema in 70 Minuten erzählen kann. Aber ich bin sehr einverstanden damit. Es fehlt nichts. Die Oper erzählt viel und geht tief.
Anne Frank ist weltweit bekannt. Peter van Pels dagegen ist weitgehend unbekannt. Wie wird aus dem Freund von Anne eine eigenständige Figur?
Das war eine der großen Herausforderungen. Aus dem Tagebuch selbst haben wir eigentlich kaum etwas übernommen. Es gibt nur ein einziges Zitat, das wir dafür haben autorisieren lassen. Joscha Schaback hat natürlich das Tagebuch gelesen und kennt die Situationen. Aber die Dialoge und die Osnabrücker Stationen sind erfunden – im Sinne der Frage: Wie könnte es einem jüdischen Jungen gegangen sein, der in Osnabrück aufgewachsen ist? Dabei tauchen Themen aus dem Tagebuch auf: Hoffnung, die Angst vor der Entdeckung, Bombardierungen. Aber auch das Lernen spielt eine Rolle. Die Menschen im Versteck haben die ganze Zeit gelernt, Sprachen und Stenografie. Sie haben sich sogar auf Niederländisch unterhalten, obwohl sie Deutsche waren. Auch Streit und Auseinandersetzungen gehören dazu. Und natürlich gibt es die kleine Liebesgeschichte zwischen Anne und Peter. Die Herausforderung war, Peter eine eigene Stimme zu geben. Das Tagebuch ist so dominant, dass wir sagen wollten: Das ist Peters Geschichte – und vielleicht hat Peter auch eine andere Sicht auf das, was Anne schreibt. Deshalb gibt es drei längere Monologe, in denen Peter aus sich selbst heraus spricht. Immer wieder rückt er in den Mittelpunkt, während Anne eine Nebenrolle einnimmt. Sie dominiert nicht den ganzen Abend.
Die Stolpersteine von Peter van Pels und seinen Eltern in der Osnabrücker Martinistraße. / Foto: Dominik Lapp
Wie erzählt man die Beziehung zwischen Anne und Peter, ohne den historischen Kontext des Holocaust zu romantisieren?
Wir sind von Schülern, die unsere Proben besucht haben, genau das gefragt worden: Das ist doch ein so trauriges Thema, warum ist es manchmal trotzdem lustig? Aber das Leben wird nach vorne gelebt. Die Menschen im Versteck wussten, dass es den Holocaust gibt, aber sie wussten nicht, ob und wann er sie erreichen würde. Sie hatten Hoffnung. Sie hörten BBC und hofften, dass die Alliierten kommen würden. Sie warteten zwei Jahre. Natürlich gab es deshalb auch ein normales pubertierendes Leben. Und warum sollen sich zwei Menschen in dieser Situation nicht einen Kuss geben? Anne Frank schreibt selbst, wie glücklich sie darüber ist. Das gehört eben auch zur Wahrheit.
Wie viel künstlerische Freiheit braucht eine solche Inszenierung?
Über Peter van Pels weiß man nicht sehr viel. Auch Otto Frank hat sich nach dem Krieg nur wenig dazu geäußert. Sehr verdienstvoll ist deshalb die Recherche von Martina Sellmeyer, mit der wir lange gesprochen haben. Sie weiß unglaublich viel über die Familie, die Menschen und die Orte in Osnabrück.
Wie stark wird Osnabrück in Ihrer Inszenierung sichtbar?
Wir arbeiten durchaus mit dokumentarischem Material und einer Projektionsebene. Wir beginnen auf einem riesigen Pflasterstein, den man zunächst wahrscheinlich gar nicht als solchen erkennt. Darauf wird die Martinistraße von heute projiziert, anschließend die Martinistraße in den 1930er-Jahren. Man sieht noch das Eckfenster des Hauses, in dem Peter tatsächlich gewohnt hat. Dann gehen wir nach Amsterdam, ins Versteck in der Prinsengracht. Es gibt historische Fotos und Videos, unter anderem vom Hinterhaus und von Anne Franks Fenster. Von dort gehen wir weiter nach Auschwitz und Mauthausen. Und am Ende landen wir wieder in Osnabrück – beim Stolperstein für Peter van Pels. Damit schließt sich der Kreis: Wir beginnen in Osnabrück und kommen am Ende auch wieder hier an.
So werden Peter und Anne in der Oper durch Florian Wugk und Susanna Edelmann dargestellt. / Foto: Jane Jachens
Auftragswerke haben immer wieder das Problem, dass sie nach der Uraufführung kaum noch gespielt werden. Wünschen Sie sich, dass andere Häuser „Peter van Pels“ künftig auf den Spielplan setzen?
Natürlich würde ich mir das wünschen. Und momentan hat man den Eindruck, dass dieses Thema wichtiger denn je ist. Die Geschichte ist viel größer als Osnabrück. Andere Theater müssten die Oper natürlich nicht genauso inszenieren wie wir. Das Entscheidende ist: Das Thema ist extrem zugänglich. Man ist erstaunlich schnell bereit zu sagen: Erzähl mir diese Geschichte. Es ist nicht einfach eine blöde Geschichtsstunde, die man moralgetrieben absitzen muss, weil sie angeblich wichtig ist. Es ist wirklich ein guter Theaterabend.
Was wünschen Sie sich, dass das Publikum aus der Oper mitnimmt?
Am Ende gibt es einen Appell, ein Zitat von Otto Frank: „Die Vergangenheit können wir nicht ändern, aber wir können an der Zukunft arbeiten und erinnern.“ Ich glaube, das bleibt unsere Aufgabe. Gerade in einer sich verändernden, multikulturellen Gesellschaft müssen wir sagen: Diese Geschichte gibt es. Natürlich hat sie für Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen eine andere Bedeutung. Aber ich glaube, wir als Gesellschaft können daraus sehr viel lernen – und auch aus diesem Abend. Denn die Geschichte von Peter van Pels ist größer als nur eine Geschichte aus Osnabrück.
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