Ein Kerzenchart zeigt, wohin sich der Kurs bewegt hat, aber nicht, wo tatsächlich gehandelt wurde. Zwei Kerzen mit identischer Form können auf völlig unterschiedlichen Umsätzen beruhen. Liquiditätszonen schließen diese Lücke. Sie markieren Preisbereiche, in denen viele Orders ausgeführt wurden und in denen der Kurs deshalb häufig stockt, abprallt oder erst nach einem zweiten Anlauf weiterläuft.
Sichtbar werden solche Zonen im Volumenprofil. Es dreht die gewohnte Darstellung um: Statt das Volumen je Zeitabschnitt als Säule unter den Chart zu legen, ordnet es das gehandelte Volumen einzelnen Preisniveaus zu. Es entsteht ein horizontales Histogramm am Chartrand. Lange Balken stehen für viel Aktivität, kurze für Bereiche, die der Markt rasch durchlaufen hat.
Das Volumenprofil: Liquidität nach Preisniveau statt nach Zeit
Für die Berechnung braucht es Tickdaten, die das Volumen je Preisniveau erfassen. Wer sie nicht selbst auswerten möchte, nutzt eine Volumen Trading Software wie ATAS, die die Daten des angebundenen Brokers oder Datenanbieters aufbereitet und daraus Profile für einzelne Sitzungen, feste Zeiträume oder den sichtbaren Chartausschnitt berechnet. Die Auswertung und jede Entscheidung bleiben beim Anwender.
Das Zeitfenster prägt das Bild. Ein Tagesprofil zeigt, auf welchem Preis sich Käufer und Verkäufer heute am häufigsten getroffen haben. Profile über mehrere Wochen decken dagegen Zonen auf, die den Markt über längere Zeit beschäftigt haben. Für kurzfristige Analysen genügt meist die Sitzung, Wochen- oder Monatsprofile ergänzen den Blick auf größere Strukturen.
Auch die Rasterung beeinflusst das Ergebnis. Ein zu grobes Raster verschmiert Spitzen im Profil, ein zu feines zerlegt eine Zone in viele einzelne Balken. Üblich ist eine Preisstufe, die dem Mindestschritt des Instruments oder einem kleinen Vielfachen davon entspricht.
POC, Value Area, HVN und LVN: Die Kernbegriffe
Fünf Begriffe tragen die gesamte Analyse. Sie lassen sich direkt am Profil ablesen:
- Point of Control (POC): Das Preisniveau mit dem höchsten gehandelten Volumen der betrachteten Periode. Hier hat der Markt den Preis am stärksten akzeptiert.
- Value Area (VA): Der Bereich um den POC, in dem meist 70 Prozent des Volumens gehandelt wurden. Der Prozentwert lässt sich in den meisten Programmen anpassen.
- Value Area High (VAH) und Value Area Low (VAL): Obere und untere Grenze der Value Area. An diesen Kanten wechselt der Markt von akzeptierten zu abgelehnten Preisen.
- High Volume Node (HVN): Ein Preisbereich mit dichtem Volumen. Der Kurs hält sich dort gern auf oder wird gebremst.
- Low Volume Node (LVN): Eine Lücke im Profil. Solche Bereiche durchläuft der Kurs oft zügig, weil dort kaum Gegenseite vorhanden war.
Das Konzept geht auf das Market Profile zurück, das J. Peter Steidlmayer als Händler am Chicago Board of Trade entwickelte und das die Börse 1985 als Produkt vorstellte. Die 70 Prozent orientieren sich an der Normalverteilung, also etwa an einer Standardabweichung um den POC. Sie sind eine Konvention, kein Naturgesetz. Zeigt das Profil zwei Gipfel, taugt ein einzelner POC nur eingeschränkt als Orientierung.
Schritt für Schritt: So bestimmen Sie die Zonen im Chart
Ein festes Vorgehen verhindert, dass Sie in jedes Profil etwas hineinlesen. Der folgende Ablauf lässt sich auf jedem Chart wiederholen:
- Zeitraum festlegen. Wählen Sie die Periode passend zum Vorhaben, zum Beispiel den Vortag für Intraday-Analysen oder die letzten zwei bis vier Wochen für längere Zeiträume. Den Zeitraum legen Sie am besten vor der Auswertung fest und passen ihn nicht nachträglich an.
- POC markieren. Ziehen Sie eine Linie auf Höhe des längsten Balkens und verlängern Sie sie in die Zukunft.
- Value Area einzeichnen. Setzen Sie VAH und VAL als Grenzen und notieren Sie, wo der Kurs aktuell relativ dazu steht.
- HVN und LVN prüfen. Gibt es neben dem POC weitere Gipfel oder auffällige Lücken? Sie markieren zusätzliche Reaktionszonen und schnelle Durchlaufbereiche.
- Kursreaktion beobachten. Stellen Sie fest, ob der Kurs an der Zone abprallt, sie durchläuft oder dort länger verweilt, bevor Sie sie als relevant einstufen.
Daraus ergeben sich typische Konstellationen. Eröffnet der Markt innerhalb der Value Area des Vortags, pendelt der Kurs häufig zurück zum POC. Verlässt er die Zone und bleibt dauerhaft außerhalb, hat sich das Gleichgewicht verschoben. Fällt er nach einem kurzen Ausflug sofort zurück, sprechen Marktbeobachter von einem gescheiterten Ausbruch.
Ein Zahlenbeispiel zur Veranschaulichung: Angenommen, der DAX-Future hat gestern bei 25.600 Punkten seinen POC gebildet, die Value Area reicht von 25.560 bis 25.640. Eröffnet der Handel heute bei 25.620, liegt der Kurs im Wertbereich und der POC rückt in den Fokus. Ein Ausbruch über 25.640 müsste erst Akzeptanz zeigen, etwa durch anhaltendes Volumen oberhalb der Grenze.
Aussagekräftiger wird die Analyse, wenn Sie das Profil mit weiteren Daten kombinieren. Footprint-Charts zeigen, ob an einer Zone überwiegend aggressiv gekauft oder verkauft wurde, und das Delta macht Ungleichgewichte zwischen beiden Seiten sichtbar. So lässt sich unterscheiden, ob eine Zone verteidigt wird oder der Kurs sie nur kurz berührt hat.
Von der Zone zur Entscheidung: Wo die Methode an Grenzen stößt
Ein Volumenprofil liefert Anhaltspunkte, kein fertiges Handelssignal. Ob der Kurs an einer Zone reagiert, hängt von Trend, Nachrichtenlage und Handelszeit ab. Sinnvoller ist es, Zonen als Beobachtungspunkte zu behandeln. Viele Trading-Apps erlauben Kursalarme, die sich auf die Grenzen einer Zone setzen lassen. Erst bei Annäherung prüfen Sie dann, wie sich Volumen und Kursverhalten entwickeln.
Einige Fehler kommen besonders oft vor. Der Zeitraum wird beliebig gewählt, sodass jedes Profil anders aussieht. Der POC wird als Handelssignal verwendet, obwohl er nur den Schwerpunkt der Aktivität beschreibt. Und in einem starken Trend verliert eine alte Zone schnell an Aussagekraft, weil sich der Markt längst auf ein neues Niveau eingestellt hat.
Daten und Zugänge: Worauf Sie bei der Einrichtung achten
Ein Profil ist nur so belastbar wie die Daten dahinter. Bei Futures stammt das Volumen meist von einer zentralen Börse. Bei Kryptowährungen verteilt sich der Handel auf viele Börsen, ein Profil bildet dann nur die Aktivität des angebundenen Handelsplatzes ab. Prüfen Sie außerdem, ob Zeitzone und Sitzungszeiten zum Markt passen, sonst verschiebt sich der POC.
Wird die Analysesoftware per API mit dem Broker verbunden, gehört der Schlüssel zu den sensibelsten Zugangsdaten. Vergeben Sie nur die nötigen Rechte, speichern Sie ihn nicht in Screenshots und sichern Sie das Broker-Konto zusätzlich mit 2FA und Passkeys ab. Ein eigener Schlüssel je Anwendung erleichtert es, einen Zugang im Ernstfall gezielt zu sperren. Neue Ansätze lassen sich zunächst an historischen Daten oder in einem Demokonto prüfen.
Fazit: Zonen als Orientierung nutzen
Das Volumenprofil macht sichtbar, wo ein Markt Preise akzeptiert und wo er sie ablehnt. POC und Value Area liefern dafür feste Bezugspunkte. Wer Zeitraum, Zonen und Kursreaktion jedes Mal gleich dokumentiert, trennt Zufall besser von Struktur. Eine Garantie für den Ausgang einzelner Trades ergibt sich daraus nicht.