Eigentlich sollten zwischen Osnabrück und Bremen auf der Hauptstrecke über Bohmte und Diepholz seit Dezember 2024 moderne Doppelstockzüge für den Regionalexpress RE9 unterwegs sein. Doch der französische Hersteller Alstom hat die Auslieferung inzwischen zum siebten Mal verschoben. Frühestens 2028 sollen die ersten Fahrzeuge kommen. Bis dahin müssen Fahrgäste mit jahrzehntealten Ersatzwagen vorliebnehmen. Im Dezember könnte der nächste Fahrzeugwechsel folgen – und es wird nicht besser!
Dabei sollte es doch alles so schnell gehen und komfortabel werden. Die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) bestellte 2021 insgesamt 34 moderne Coradia-Max-Doppelstockzüge für das Expresskreuz Bremen/Niedersachsen, zu dem auch die Linie RE 9 zwischen Osnabrück, Bremen und Bremerhaven gehört. Der Auftrag einschließlich langfristiger Instandhaltung kostet rund 760 Millionen Euro aus der Steuerkasse. Was bekommt der Fahrgast und Steuerzahler dafür? Bislang regelmäßig Ausreden, Ausflüchte und die Ankündigung immer neuer Liefertermine.
Alstom verschiebt Lieferung zum siebten Mal
Eigentlich sollten die Züge bereits im Dezember 2024 fahren. Immerhin hatte der Hersteller drei Jahre Zeit die Züge zu bauen, zu testen und auf die Gleise zu setzen. DOch inzwischen im Oktober 2026 angelangr, folgte die siebte Verzögerung: Alstom kündigte die Auslieferung der ersten Züge nun für 2028 an. Als Gründe nennt der Hersteller Materialengpässe sowie Produktions- und Zulassungsschwierigkeiten. In Eisenbahnforen sind allerdings schon zahlreiche fertig produzierte Züge zu sehen, die auf Teststrecken ihre Runden drehen, aber auch Jahre nach ihrer Fertigstellung immer noch keine Zulassung für den Personeverkehr haben.
LNVG-Geschäftsführerin Carmen Schwabl entschuldigte sich öffentlich für den offensichtlichen Fehlgriff bei der Auswahl des Lieferanten: „Wir bitten alle Fahrgäste für diese sehr belastende Situation um Entschuldigung.“ Über den Hersteller sagte sie: „Für den Hersteller wird das sehr teuer werden, aber für die Fahrgäste macht es das jetzt leider nicht besser.“ Die LNVG macht bereits Vertragsstrafen und Schadenersatzansprüche geltend.
Alte Doppelstockwagen aus der Nachwende-Zeit ersetzen moderne Züge
Auf dem RE 9 kommen derzeit ältere Doppelstockwagen von DB Regio und Wedler Franz Logistik (WFL) zum Einsatz, darunter Fahrzeuge aus Görlitzer Produktion der frühen 1990er Jahre. Einige Fahrzeuge stehen technisch in der Tradition der früheren Deutschen Reichsbahn. Nach Angaben der LNVG verfügen die Ersatzgarnituren weder über Klimaanlage noch WLAN. Das Sitzplatzangebot liegt bei rund 430.
Mehr als 1.000 Plätze wären mit den modernen Zügen möglich – wenn es sie denn gäbe
Mit den bestellten Alstom-Zügen sind für das gesamte Expresskreuz auch längere Zugkombinationen vorgesehen. Im Zusammenhang mit Bahnsteigverlängerungen wurde bereits über mehr als 1.000 Sitzplätze berichtet. Das ist jedoch keine bestätigte Platzzahl speziell für den RE 9. Die derzeitigen Ersatzzüge auf dem RE 8 bieten laut LNVG 600 bis 646 Plätze, auf dem RE 1 rund 800.
Ab Dezember 2027 möglicherweise ehemalige S-Bahn-Triebwagen
Nach Berichten aus Eisenbahnfachkreisen könnten die Doppelstockzüge zum Fahrplanwechsel im Dezember 2026 durch einstöckige Elektrotriebwagen der Baureihe 442 ersetzt werden. Die als Talent 2 bekannten Fahrzeuge sind unter anderem bei der S-Bahn Mitteldeutschland rund um Leipzig und Halle im Einsatz. Ob tatsächlich Fahrzeuge aus diesem Netz nach Osnabrück wechseln, ist unbestätigt. Die LNVG arbeitet noch an den Einzelheiten des Ersatzkonzepts.
Wie viele Plätze bieten die möglichen Ersatzzüge vom Typ Talent-2?
Ein Talent-2-Triebwagen hat je nach Variante ungefähr 150 bis 300 Sitzplätze. Mehrere Triebwagen können gekuppelt werden; auf dem RE 8 bieten solche Kombinationen 600 bis 646 Plätze. Ob auf dem RE 9 ebenfalls längere Zugverbände eingesetzt werden, ist bislang offen. Ein weiterer Kapazitätsverlust gegenüber den aktuell rund 430 Plätzen ist daher nicht belegt.
Die Talent-2-Züge verfügen immerhin über Klimaanlagen und Toiletten. Bei der S-Bahn Mitteldeutschland gibt es je nach Ausführung eine oder zwei Toiletten. Die Fahrzeuge erreichen bis zu 160 Stundenkilometer.
Weitere Übergangslösungen auch für 2028, nur woher sollen die Züge kommen?
Die LNVG erklärt, auf dem Gebrauchtwagenmarkt seien kaum Fahrzeuge verfügbar, die allen Anforderungen an Kapazität, Klimaanlage, WLAN und Geschwindigkeit genügen. Für die Jahre 2027 und 2028 sollen weitere Ersatzkonzepte vorbereitet werden. Eine Vertragskündigung gegenüber Alstom hält die Gesellschaft nicht für sinnvoll, weil neue Ausschreibungen und Zugentwicklungen noch länger dauern würden.