Markus Blumenthal-Beier, Vorsitzender des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands, sieht in anonymen Videosprechstunden bei Drittanbietern ein hohes Missbrauchspotenzial. Er äußert sich kritisch zu Plänen, Apotheken oder Pflegeberufe als Primärversorger zuzulassen.
Kritik an Apotheken als Primärversorger
"Wenn anonyme Patienten von anonymen Anbietern krankgeschrieben würden, ist das Missbrauchspotenzial deutlich höher als in einer festen Arzt-Patienten-Beziehung", sagte der Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands Markus Blumenthal-Beier der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (noz).
Er bezieht sich damit auf politische Überlegungen, das Gesundheitssystem durch die Zulassung von Apotheken oder Pflegeberufen als Primärversorger zu entlasten. Apotheken eigneten sich zwar für die Beratung bei leichten Erkrankungen, nicht jedoch für ärztliche Behandlungen, da dort die medizinische Ausbildung für eine Gesamteinschätzung fehle. "Eine wirkliche Primärversorgung kann nur dort erfolgen, wo es eine feste und langjährige Bindung gibt."
Videokabinen und Folgen für das Gesundheitssystem
Blumenthal-Beier übt Kritik an Plänen für Videokabinen in Apotheken, bei denen Patienten über medizinische Anbieter abgehandelt werden. Bei dieser "völlig anonymen Situation" übernehme niemand Verantwortung. "Das klingt einfach nach einem Business-Angebot", sagte er. "Wenn die Apotheke meint, das ist mit Hausmittelchen nicht zu lösen, sollte sie die Menschen zum Hausarzt schicken – und nicht als Geschäftsmodell in eine Kabine, wo wieder jemand daran herumdoktert, der die Menschen gar nicht kennt und im Zweifelsfall ein Interesse haben könnte, krankzuschreiben oder noch etwas zu verkaufen."
Der Ausbau solcher Modelle hätte aus seiner Sicht drastische Folgen. "Die Behandlungsfälle werden explodieren, wenn wir jetzt noch zusätzliche Angebote der Fernbehandlung schaffen", sagte der Verbandschef. Letztlich führe dieser Weg nur zu einer "weiteren Zersplitterung der Versorgung".
Krankenstand und Missbrauchspotenzial
Mit Blick auf die aktuellen Debatten um den Krankenstand mahnte der Mediziner: "Wenn ich mich an jeder Milchkanne krankschreiben lassen kann, wird das sicher nicht zu weniger Krankschreibungen führen."