Wie digital ist Osnabrück wirklich? Bei der Eröffnung der Digitalen Woche in der Lagerhalle bekam die Stadt am Montag (21. September) überraschend viel Lob – von der Nürnberger Unternehmerin, Ökonomin, Digitalexpertin und Bestseller-Autorin Aya Jaff. Gleichzeitig warnte sie eindringlich vor der wachsenden Abhängigkeit Europas von großen Technologiekonzernen.
Lob für die städtische App
Aya Jaff hatte sich vor ihrem Auftritt offenbar intensiv mit der digitalen Entwicklung in Osnabrück beschäftigt. Besonders angetan zeigte sie sich von der städtischen App. Sie bündelt Informationen und Verwaltungsangebote und ermöglicht es Bürgerinnen und Bürgern, eigene Vorschläge für die digitale Entwicklung der Stadt einzureichen. „Jeder von euch kann einen Verbesserungsvorschlag machen“, sagte Jaff. Für sie ist das mehr als ein digitales Verwaltungsangebot: „Ich finde interessant, dass sie gelebte Demokratie ermöglicht.“
Die Digitalexpertin kommt aus Nürnberg und verglich das Angebot deshalb direkt mit ihrer Heimatstadt. „Gibt es so etwas in Nürnberg? Nein. Das wäre ein Träumchen.“ Ihren Besuch in Osnabrück wolle sie deshalb nicht ohne Konsequenzen lassen: „Das werde ich dem Bürgermeister in Nürnberg sagen: Schaut mal, Osnabrück macht da etwas Tolles.“
Open Source statt Abhängigkeit
Sie verwies außerdem auf den Einsatz von Open-Source-Software und das Ziel, digitale Souveränität zu stärken. Auch ein Rechenzentrum, das ausdrücklich auf die Vermeidung einer Abhängigkeit von einzelnen Anbietern setze, habe sie sich angesehen. Denn genau diese Abhängigkeit bereitet Jaff Sorgen. Als Beispiel nannte sie Microsoft und die Bundesverwaltung. Wenn öffentliche Einrichtungen einmal tief in die Systeme eines Anbieters eingebunden seien, könne dieser die Preise erhöhen, ohne dass die Nutzer einfach wechseln könnten. „Das nennt man Vendor Lock-in“, sagte die Unternehmerin. „Die Qualität steigt dabei nicht zwangsläufig, aber man steckt in einem System fest, das einfach mehr Geld kostet, weil der Anbieter es verlangen kann.“
Für Osnabrück sieht sie dagegen einen anderen Weg. Auch die Zusammenarbeit von Stadt, Stadtwerken und SWO Netz bei der digitalen und nachhaltigen Standortentwicklung wertete Aya Jaff als positives Beispiel. Digitalisierung müsse nicht bedeuten, dass alle gegeneinander arbeiteten. „Eigentlich kann man in Partnerschaft gehen. Man kann miteinander arbeiten, so dass man gemeinsam etwas Nachhaltiges aufbaut.“
Europa hängt an US-Technologie
Vom lokalen Beispiel Osnabrück wechselte Jaff anschließend zur großen politischen und wirtschaftlichen Perspektive. Rund 80 Prozent der digitalen Infrastruktur würden importiert, mehr als 70 Prozent der weltweiten KI-Grundmodelle kämen aus den USA, sagte sie. Europa sei damit in wichtigen Bereichen von Technologien abhängig, die außerhalb Europas entwickelt und kontrolliert würden.
Besonders deutlich werde das bei künstlicher Intelligenz. Jaff verwies auf Milliardeninvestitionen in generative KI, von denen bislang nur ein kleiner Teil tatsächlich skalierbar sei. Gleichzeitig gebe es Unternehmen, die wieder stärker auf Menschen statt auf KI setzen würden – etwa beim Kundenkontakt.
Auch die Bundeswehr sei ein Beispiel für die Abhängigkeit von ausländischer Technologie. Aya Jaff verwies auf einen 2025 geschlossenen Vertrag zur Cloud-Infrastruktur der Bundeswehr und kritisierte insbesondere die langfristige Bindung an große US-Technologiekonzerne. „Was uns fehlt, ist Souveränität“, sagte sie.
„Wir brauchen keinen europäische Elon Musk.“ Es gehe nicht darum, einen europäischen Gegenspieler zu Musk aufzubauen. „Nein, wir brauchen kein europäisches Äquivalent“, so Jaff. Stattdessen müsse Europa Strukturen schaffen, die nicht von einzelnen Unternehmen oder Personen abhängig seien.
Eine mögliche Antwort sieht sie im so genannten „EuroStack“. Dahinter steht die Idee einer eigenständigen europäischen digitalen Infrastruktur – von Rechenzentren und Rechenleistung über digitale Identitäten und Bezahlsysteme bis hin zu offenen technischen Standards.
Auch Schleswig-Holstein habe gezeigt, dass der Abschied von proprietärer Software funktionieren könne. Das Bundesland setzt unter anderem auf Linux, LibreOffice und weitere Open-Source-Lösungen. Nach eigenen Angaben spart das Bundesland dadurch Lizenzkosten in Höhe von 15 Millionen Euro. „Souveränität ist nicht das Gegenteil von Wettbewerbsfähigkeit. Sie ist ihre Voraussetzung“, sagte Aya Jaff.
KI: Nicht die Regulierung ist das Hauptproblem
Eine weitere Botschaft der Keynote richtete sich gegen die verbreitete Behauptung, Europa bremse sich mit zu viel Regulierung selbst aus. Jaff sieht das Problem an anderer Stelle: Regeln seien teilweise unklar und würden nicht konsequent genug durchgesetzt. „Wir haben die Gesetze. Wir haben die Gerichte. Wir haben die Institutionen“, sagte sie. „Wir können das alles nicht durchsetzen.“
Das gelte unter anderem für Datenschutz, Kartellrecht und die Regulierung digitaler Märkte. Gerade für Start-ups könne die Unsicherheit zum Problem werden. So berichtete die Autorin, die die Bücher „Moneymakers“ und „Broligarchie“ schrieb, dass sie bei einem eigenen KI-Start-up-Projekt selbst mit der Frage konfrontiert gewesen sei, wie bestimmte Anwendungen nach dem europäischen AI Act rechtlich einzuordnen seien. Ihre Kritik richtet sich deshalb weniger gegen Regulierung als gegen fehlende Durchsetzungskraft.
Zum Schluss kam Aya Jaff noch einmal auf Osnabrück zurück. Der Westfälische Frieden von 1648 könne auch für die digitale Gegenwart ein Denkanstoß sein. Damals sei gezeigt worden, dass Macht geteilt werden könne, ohne dass eine Seite alles kontrolliere. „1648 hat Osnabrück gezeigt: Macht lässt sich teilen, ohne dass eine Seite alles kontrolliert“, sagte sie. „Jetzt müssen wir das auf digitaler Ebene noch einmal lernen.“
Mehr Nachrichten aus der Region?
➡️ Alle aktuellen Artikel zu Osnabrück - Altstadt finden Sie hier.