# Wenn Vielfalt zur Klangsprache wird: Morgenland Festival in Osnabrück endet nach neun Tagen Datum: 08.06.2026 15:30 Kategorie: Aktuell URL: https://hasepost.de/wenn-vielfalt-zur-klangsprache-wird-morgenland-festival-in-osnabrueck-endet-nach-neun-tagen-720374/ --- Mit einem energiegeladenen und vielschichtigen Abschlussabend in der Osnabrücker Botschaft ist am Samstag (6. Juni) das Morgenland Festival Osnabrück 2026 zu Ende gegangen – und hinterlässt den Eindruck eines Festivals, das sich nicht nur neu aufgestellt, sondern zugleich inhaltlich geschärft hat. ## Ein Festival zwischen Herkunft und Aufbruch Neun Tage lang wurde Osnabrück zum Treffpunkt internationaler Stimmen, Geschichten und Klangwelten. Unter dem Leitthema „Stimmen der Diaspora“ rückte das Festival Künstlerinnen und Künstler in den Mittelpunkt, deren Arbeiten aus Erfahrungen von Migration, Exil und kulturellen Übergängen entstehen. Das Ergebnis war kein klassisches Weltmusikprogramm, sondern ein bewusst offenes Festival, das musikalische, gesellschaftliche und künstlerische Perspektiven miteinander verband. Die erste Ausgabe unter der Leitung von Shabnam Parvaresh markierte zugleich einen sichtbaren Richtungswechsel. Die Musikerin, die einst vom Teheraner Symphonieorchester nach Osnabrück kam, setzte auf Programme, die Identität nicht als feststehende Kategorie begreifen, sondern als Bewegung zwischen unterschiedlichen Einflüssen und Lebensrealitäten. Die Spielorte in der Stadt wurden dabei selbst Teil dieser Erzählung. Ob in der Lagerhalle, der Kunsthalle, der Marienkirche, der Botschaft, der Kleinen Freiheit oder der Bergkirche – überall entstanden Räume, in denen Tradition auf Gegenwart traf und kulturelle Grenzen durchlässig wurden. ### Von stiller Intensität bis zur klanglichen Grenzüberschreitung Bereits das Eröffnungskonzert machte deutlich, welchen Ton das Festival setzen wollte. Zwischen spiritueller Konzentration und musikalischer Offenheit entwickelte sich eine Atmosphäre, die das Publikum weniger überwältigen als hineinziehen wollte. Im weiteren Verlauf zeigte das Programm seine ganze Bandbreite: atmosphärische Jazzlandschaften, rohe und unmittelbare Klangexperimente, elektronische Impulse, improvisatorische Freiheit und Produktionen, die sich bewusst zwischen Genres bewegten. Besonders bemerkenswert war dabei, dass die stilistische Vielfalt nie beliebig wirkte. Vielmehr entstand ein gemeinsamer roter Faden: die Suche nach neuen Ausdrucksformen aus unterschiedlichen kulturellen Erfahrungen heraus. Gerade die Konzerte zum Festivalende sowie die fein gearbeiteten zeitgenössischen Kompositionen in sakralem Raum machten deutlich, wie gegenwärtig und lebendig diasporische Perspektiven heute klingen können. ### Mehr als ein Musikfestival Dass das Morgenland Festival inzwischen weit über Konzertformate hinausdenkt, zeigte sich auch in seinem erweiterten Programm. Die Ausstellung „Widerstand – Von feinen Rissen und tiefen Erschütterungen“ eröffnete einen visuellen Zugang zu Fragen von gesellschaftlichem Wandel und politischer Spannung und verlängert die Themen des Festivals noch bis in den Sommer hinein. Hinzu kamen literarische Gespräche und diskursive Formate, die den Anspruch unterstrichen, kulturellen Austausch nicht nur zu präsentieren, sondern aktiv zu gestalten. Besonders überzeugend wirkte dabei die enge Verzahnung mit der Stadt und ihren Institutionen. Workshops mit internationalen Musikerinnen und Musikern eröffneten Studierenden direkte Einblicke in unterschiedliche musikalische Denkweisen – von mikrotonalen Klangkonzepten bis hin zur Entwicklung einer eigenen künstlerischen Handschrift. ### Ein Festival mit Haltung Zum Abschluss zieht die Festivalleitung entsprechend zufrieden Bilanz. Shabnam Parvaresh betont: „Die Resonanz des Publikums hat gezeigt, wie tief die Sehnsucht nach Räumen ist, in denen Vielfalt nicht nur verwaltet, sondern künstlerisch frei gelebt wird. Wir haben erlebt, dass diasporische Geschichten keine Nische sind, sondern das kreative Zentrum unserer Gegenwart.“ Die nächste Ausgabe des Festivals ist bereits terminiert: Vom 28. Mai bis zum 5. Juni 2027 soll die Reise weitergehen. --- Quelle: Hasepost.de - Die Zeitung für Osnabrück