Der Osnabrücker Neumarkt soll ab Ende dieses Jahres grundlegend umgestaltet werden. Nach Fertigstellung wird der Problemplatz keine klassische Asphaltfläche mehr sein, sondern ein aus zahlreichen großen und kleinen Betonflächen bestehender Platz. Auf den ersten Blick wird der Neumarkt aber dennoch genau so wirken wie frisch asphaltiert, wenn auch in unterschiedlichen Tönen von Grau: dunkel, fast schwarz und in Streifen angelegt.
Die Stadt hatte, bevor es im Spätsommer losgeht, auf dem Gelände der Firma Dyckerhoff im Osnabrücker Hafen eine rund 100 Quadratmeter große Musterfläche anlegen lassen, um Material, Optik und Ausführung vorab zu testen.
Zu diesem Thema gibt es inzwischen auch einen aktuellen Kommentar.
Was auf dem Dyckerhoff-Gelände derzeit zu sehen ist, überrascht in seiner Optik. Aus der ursprünglich präsentierten „Zebrastreifen-Optik“ für den Neumarkt ist nun eine Variation von dunklen bis fast schwarzen Grautönen geworden. Der testweise verbaute und an diesem Montag öffentlich präsentierte Beton wirkt so überhaupt nicht wie der hellgraue, fast weiße Werkstoff, den man klassisch mit Beton verbindet, sondern eher wie Asphalt in verschiedenen Mischungsverhältnissen. Das ist auch so gewollt: Entsprechend den Architektenentwürfen wurde das Material eingefärbt. Nicht rosarot wie am Rosenplatz, mehr wie Asphalt – nur deutlich teurer und sehr viel aufwendiger in der Herstellung und angesichts der CO2-Emissionen bei der Betonherstellung auch noch klimaschädlich in der Produktion.
Weil der Architekt es so will, muss die Stadt Beton verbauen
Nach Angaben der Stadt Osnabrück stand bereits seit dem Gestaltungswettbewerb fest, dass die Verkehrsflächen auf dem Neumarkt in Beton ausgeführt werden (müssen). Weil sowohl die optischen Ansprüche als auch die Anforderungen an die Haltbarkeit hoch seien, sollte vor dem eigentlichen Baubeginn möglichst wenig dem Zufall überlassen werden. Hintergrund der aufwendigen Erprobung des für die Gestaltung eines von tonnenschweren Bussen belasteten Platzes eher ungewöhnlichen Baustoffs ist das teure Desaster mit dem Rosenplatz, dessen Schnell-Zerbröselung eine bereits vor Corona geplante Neugestaltung des Neumarkts kurz vor Baubeginn stoppte.

Der Neumarkt in Osnabrück: Zukünftig ein riesiger Zebrastreifen in grau und dunkelgrau? / ki-generiert
Immer wieder neue Konzepte, wie der Beton so verbaut werden kann, dass er auch hält
Die eigens angelegte Musterfläche wurde in den vergangenen Wochen mehrfach begutachtet. Neben dem Entwurfsbüro war laut Stadt auch ein Fachgutachter eingebunden, der betontechnologische Fragen bewerten sollte. Im Ergebnis wurde entschieden, den Beton einlagig und nicht wie ursprünglich vorgesehen zweilagig einzubauen.
Die Fahrbahnen sollen später in Ortbeton hergestellt werden, auf den Nebenflächen sind Betonfertigteile vorgesehen. Die Konstruktion sei auf eine Haltbarkeit von 30 Jahren ausgelegt – und damit laut Stadt auf fünf Jahre mehr, als bei üblichen Verkehrsstraßen angesetzt werde.
Stadtbaurat Thimo Weitemeier erklärt zur Funktion der Testfläche: „Sie dient als praktisches Anschauungsmaterial, um fundierte Entscheidungen treffen zu können. Hier ist ein Muster deutlich aussagekräftiger als eine reine Zeichnung. Wir konnten uns so ein Bild machen, wie der Neumarkt einmal aussehen soll. Gleichzeitig können wir uns schon im Vorfeld ansehen, wie die Materialien altern, damit sie auch langfristig die geforderten Eigenschaften erfüllen.“
Auch bei der Wegeleitung für Sehbehinderte spielen Kosten keine Rolle
Nach Angaben der Verwaltung gab es mehrere Bemusterungstermine zwischen Stadt und Entwurfsverfassern. Auch Vertreterinnen und Vertreter der Politik erhielten demnach die Möglichkeit, sich vor Ort ein Bild zu machen. Positiv begleitet worden sei die Auswahl der Oberflächengestaltung außerdem vom Inklusionsforum.
Die bei der Planung eingebundene Fachstelle Inklusion durfte sich auf dem Testfeld auch verschiedene Systeme der Wegeleitung anschauen, also taktile Elemente für die Barrierefreiheit. Am Ende fiel die Entscheidung auf das nach Darstellung der Stadt aufwendigste System: Für jede einzelne Noppe muss ein eigenes Loch gebohrt werden, in das die Elemente anschließend mit einer Kombination aus Schraub- und Klebebefestigung eingesetzt werden. Hinzu kommt, dass statt günstigerer Kunststoffkappen Edelstahlkappen verwendet werden sollen.
Das Inklusionsbüro wollte „Edelstahl geschraubt“, mit einer extra Bohrung für jede Noppe – die billigere Standardlösung sieht man im Hintergrund / Foto: Pohlmann
Warum stattdessen nicht auf Rippen- und Noppenplatten gesetzt wird, wie sie etwa auch an Bahnsteigen der Deutschen Bahn in besonders sicherheitskritischen Bereichen entlang der Bahnsteigkante verbaut werden, begründete Weitemeier gegenüber unserer Redaktion mit ästhetischen Gesichtspunkten. Außerdem habe das Inklusionsbüro dieses System ja bevorzugt.
Baustart Ende 2026, Fertigstellung Mitte 2029
Die eigentlichen Bauarbeiten auf dem Neumarkt sollen im vierten Quartal dieses Jahres beginnen. Die Fertigstellung des Projekts, das für die weitere Entwicklung der Innenstadt von zentraler Bedeutung sein dürfte, ist für Mitte 2029 vorgesehen.
Weitemeier, der das Projekt von seinem Vorgänger Frank Otte übernommen hat, verbindet mit der Neugestaltung auch städtebauliche Hoffnungen. Der neue Stadtbaurat verbindet das Projekt, das sein Vorgänger bei seiner Verabschiedung als baldiges „Vorzeigeprojekt“ bezeichnete, mit der Hoffnung, dass ein aufgewerteter Neumarkt auch Impulse für private Investitionen im direkten Umfeld setzen könnte. Rund um den zentralen Platz bleiben aktuell mehrere große Problemstellen ungelöst – darunter das frühere Kaufhof-Gebäude, die ehemalige Sportarena, die seit langem leerstehende Hauptpost und das schwierige Umfeld der Johannisstraße, das sich zum Kriminalitäts- und Drogenschwerpunkt entwickelt hat.
Betonschicht wird rund 30 Zentimeter dick – darunter dann Schotter und tatsächlich sogar Asphalt
Am Neumarkt soll deshalb besonders massiv gebaut werden. Nach Angaben aus dem Rathaus ist eine rund 30 Zentimeter starke Betonschicht vorgesehen, unter der weitere Schichten bis in etwa einen Meter Tiefe eingebaut werden. Dabei reicht der Unterbau von Schotterlagen bis zum Material Asphalt, das an der Oberfläche gerade nicht sichtbar sein soll. Der Aufwand ist also deutlich höher als bei einer konventionellen Asphaltfläche.
Genau darin liegt allerdings auch ein möglicher Nachteil: Sollte der Belag in einigen Jahren doch Risse oder andere Schäden zeigen, lässt sich die Fläche nicht einfach wie eine herkömmliche Straße neu asphaltieren (Prinzip: einmal mit dem Asphaltfertiger rüber und gut ist). Reparaturen dürften bei dieser Bauweise voraussichtlich deutlich aufwendiger ausfallen.
Klimaschutz spielte bei der Materialwahl keine Rolle
Nach Angaben von Stadtbaurat Weitemeier spielten ökologische Gesichtspunkte bei Planung und Ausschreibung des Materials keine Rolle. Das betrifft auch die vergleichsweise hohen CO2-Emissionen, die bei der Herstellung von Beton anfallen. Ebenfalls keine Rolle spielte demnach die Frage, ob der Baustoff in einigen Jahren – vor dem Hintergrund städtischer Klimaziele – in gleicher Weise überhaupt noch verfügbar oder politisch gewollt sein wird.
Für den Moment setzt die Stadt damit auf einen Baustoff, der am Ende möglichst hochwertig aussehen, besonders lange halten und dem Neumarkt ein neues Gesicht geben soll – auch wenn dieses Gesicht auf den ersten Blick eher an frisch asphaltierten Straßenbau erinnert als an klassischen Beton.

Beschädigte Fahrbahndecke am Rosenplatz. (Archiv)
Beton mit schwieriger Vorgeschichte in Osnabrück
Ganz ohne Skepsis wird die Materialentscheidung in Osnabrück nicht gesehen. Die Stadt hat in den vergangenen Jahrzehnten mit Beton im öffentlichen Raum nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Vor allem in der Johannisstraße wurde seit den 1980er Jahren mehrfach mit unterschiedlichen Betonlösungen experimentiert – von Betonplatten bis zu Betonsteinen. Klassischer Asphalt war dort als Lösung verpönt – warum auch immer.
Auch der Rosenplatz gilt vielen in Osnabrück eher als warnendes Beispiel dafür, wie anspruchsvoll stark belastete innerstädtische Flächen mit Beton tatsächlich sind und was dieser Baustoff nicht kann. Nachdem der Rosenplatzlatz in den vergangenen Monaten noch einmal grundlegend überarbeitet werden musste (Fertigstellung in diesem Sommer), glaubt die Verwaltung fest daran, die Materialprobleme inzwischen besser im Griff zu haben.
Kosten für den Neumarkt bereits vor Baubeginn mehr als verdoppelt
Noch bevor am Neumarkt überhaupt die ersten sichtbaren Hauptarbeiten beginnen, ist das Projekt bereits deutlich teurer geworden. Wie HASEPOST bereits im November 2025 berichtete, haben sich die veranschlagten Kosten im Laufe der Planungsphase von ursprünglich 13 Millionen Euro auf zuletzt 27,7 Millionen Euro mehr als verdoppelt. Besonders bemerkenswert: Allein zwischen April und November 2025 stieg die erwartete Summe noch einmal von 21,9 auf 27,7 Millionen Euro.
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