# Warum beim Bürgerfest am Tag der Deutschen Einheit kein Schwarz-Rot-Gold zu sehen war Typ: Artikel Veröffentlicht: 2026-10-07T16:04:24+02:00 Zuletzt aktualisiert: 2026-10-07T16:18:30+02:00 Kanonische URL: https://hasepost.de/warum-beim-buergerfest-am-tag-der-deutschen-einheit-kein-schwarz-rot-gold-zu-sehen-war-763974/ Kategorie: Aktuell --- Das Osnabrücker [Bürgerfest auf dem Ledenhof und dem Neuen Graben](https://hasepost.de/heute-buergerfest-auf-dem-ledenhof-mehr-als-80-vereine-und-kostenloses-konzert-760852/) am 3. Oktober war ein voller Erfolg. Das Wetter spielte mit, mehr als 80 Vereine, Initiativen und Organisationen präsentierten sich, am Abend gab es kostenlose Live-Musik. Viel Ehrenamt, viel bürgerschaftliches Engagement – und viel zu feiern. Nur ausgerechnet der Anlass dafür, dass dieser Tag überhaupt ein Feiertag ist, spielte erstaunlich wenig Rolle. Der 3. Oktober 2026 war schließlich nicht irgendein arbeitsfreier Samstag. Deutschland feierte an diesem Tag den 36. Jahrestag seiner Wiedervereinigung. Und hinter diesem Nationalfeiertag steht eine noch längere Geschichte: Bis 1990 erinnerte der 17. Juni als „Tag der deutschen Einheit“ an den Volksaufstand von 1953 gegen die SED-Diktatur in der DDR. ## Ein Bürgerfest für Demokratie – aber ohne deren nationale Symbole? Das ist deshalb bemerkenswert, weil das Osnabrücker Bürgerfest ursprünglich durchaus politischer gedacht war. In ersten Überlegungen im Stadtrat war sogar davon die Rede, rund um den Wall das Grundgesetz zu feiern. Daraus wurde schließlich das auf den Ledenhof verlegte Bürgerfest für Ehrenamt und Engagement. Ganz verschwunden war der politische Anspruch allerdings nicht. In der offiziellen [Ankündigung der Stadt Osnabrück](https://staerkt.osnabrueck.de/de/engagement-und-ehrenamt/buergerfest-engagierte-stadt-osnabrueck-feiert-engagement/) tauchen die Begriffe „Demokratie“ und „demokratisch“ gleich viermal auf. Es sollte ausdrücklich um Menschen und Organisationen gehen, die sich für „Demokratie, Zusammenhalt, Teilhabe und ein gutes Miteinander“ einsetzen. Umso auffälliger war, was auf dem Fest praktisch keine Rolle spielte, die Farben der Demokratie in Deutschland: Schwarz–Rot–Gold. Dabei sind diese Farben weit mehr als Dekoration für Fußballweltmeisterschaften und Bundesbehörden. Sie wurden beim Hambacher Fest 1832 zum weithin sichtbaren Symbol für Freiheit, nationale Einheit und Bürgerrechte. Schwarz-rot-goldene Fahnen hingen in der Frankfurter Paulskirche, als dort 1848 die erste frei gewählte gesamtdeutsche Volksvertretung zusammentrat. Die Weimarer Republik machte Schwarz-Rot-Gold zu ihren Reichsfarben. Die Nationalsozialisten beseitigten diese republikanischen Farben wieder und machten schließlich ihre Hakenkreuzfahne zur Nationalflagge. ### Der 3. Oktober ist ein Feiertag über die Überwindung der sozialistischen Diktatur Die Geschichte der DDR zeigt, wie politisch Farben und Flaggen sein können. Zunächst verwendeten Bundesrepublik und DDR gleichermaßen Schwarz-Rot-Gold. 1959 fügte die SED-Diktatur der DDR-Flagge das übliche sozialistische Küchenbesteck – Hammer, Zirkel und Ährenkranz – hinzu, um sich auch symbolisch von der Bundesrepublik abzugrenzen – die Nationalfarben wurden im Osten Deutschlands zur „[Spalterflagge](https://www.dwds.de/wb/Spalterflagge)“. Am 3. Oktober 1990 trat die DDR dann schließlich dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei – deswegen konnte am 3. Oktober gefeiert werden. Vorausgegangen waren keine Panzer und kein Bürgerkrieg, sondern eine friedliche Revolution, freie Wahlen und der Zusammenbruch jener sozialistischen Diktatur, die ihre eigenen Bürger über Jahrzehnte eingesperrt hatte. Beim Osnabrücker Bürgerfest war mit der Partei Die Linke übrigens auch jene Partei mit einem Stand vertreten, zu deren historischen Wurzeln die aus der SED hervorgegangene PDS gehört. Die Linke selbst bezeichnet die PDS ausdrücklich als Partei, die aus der ehemaligen Staatspartei SED hervorgegangen ist, und sie hat sich die [Rechtsnachfolge der SED sogar vor Gericht bestätigen](https://www.welt.de/politik/article3649188/Prozess-Die-Linke-Wir-sind-Rechtsnachfolgerin-der-SED.html) lassen. Man kann es angesichts des DDR-Grenzregimes, der Mauertoten, der politischen Verfolgung und der Repression gegen die eigene Bevölkerung durchaus für geschmacklos halten, ausgerechnet am 3. Oktober dieser historischen Kontinuität keinerlei erkennbare Aufmerksamkeit zu widmen und die im Kern fortbestehende Partei der Mauermörder völlig selbstverständlich auf einem Bürgerfest für Demokratie zu präsentieren. Gerade der 3. Oktober steht schließlich für das Ende der SED-Herrschaft und die Wiederherstellung von Freiheit und deutscher Einheit. Aber auch das gehört zur Demokratie: Die heutige Linke ist eine zugelassene demokratische Partei und wird im neuen Osnabrücker Stadtrat so stark vertreten sein wie noch nie zuvor. Dass ausgerechnet ein Bürgerfest am Tag der Deutschen Einheit die Geschichte, aus der dieser Feiertag entstanden ist, weitgehend ausblendet, bleibt dennoch eine bemerkenswerte und traurige Pointe. ### Schwarz-Rot-Gold stand am Rand – oder eher „im Abseits“ Unsere Redaktion fragte deshalb zunächst beim Presseamt der Stadt nach, warum auf einem Bürgerfest für Demokratie ausgerechnet am deutschen Nationalfeiertag die Nationalfarben im Veranstaltungskonzept praktisch keine sichtbare Rolle spielten. Stadtsprecher Constantin Binder verwies zunächst auf den regulären Beflaggungskalender der Stadt: „Zum Tag der Deutschen Einheit wurden die öffentlichen Gebäude der Stadt Osnabrück wie in jedem Jahr gemäß Beflaggungskalender beflaggt. Dazu gehörten auch die Fahnenmasten am Ledenhof (zwischen Steinwerk und Platz).“ Mit anderen Worten: Schwarz-Rot-Gold gab es. Aber eben dort, wo die Flaggen am 3. Oktober ohnehin hängen. Nicht als sichtbares Element des eigentlichen Bürgerfestes. Auf unsere konkrete Nachfrage, ob im Veranstaltungskonzept berücksichtigt worden sei, dass das Bürgerfest am deutschen Nationalfeiertag stattfindet, verwies die Stadt an die Veranstalter Marketing Osnabrück GmbH und Freiwilligen-Agentur. ### Marketing Osnabrück: „Der 3. Oktober war der Veranstaltungstermin“ Von Marketing Osnabrück kam darauf eine bemerkenswert klare Antwort. Pressesprecher Stephan Gerecht erklärte, aus Sicht der Gesellschaft würden „zwei unterschiedliche Veranstaltungszwecke miteinander vermischt“. „Die zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit fanden in diesem Jahr in Bremen statt. Unser Bürgerfest in Osnabrück war eine eigenständige Veranstaltung, um das lokale Ehrenamt zu feiern und bekannt zu machen“, so Gerecht. Man habe die Menschen sichtbar machen wollen, „die unsere Stadt durch ihr Engagement mitgestalten“. Vereine und Initiativen sollten ihre Arbeit vorstellen und weitere Menschen zum Mitmachen bewegen. Dann folgt der entscheidende Satz: „Der 3. Oktober war der Veranstaltungstermin; das inhaltliche Konzept war auf das Engagement in Osnabrück ausgerichtet.“ Eine zusätzliche Dekoration mit Deutschlandflaggen sei nicht Bestandteil dieses Konzepts gewesen. Gerecht weist zugleich eine politische Interpretation zurück: „Aus der Gestaltung unseres Bürgerfestes lässt sich weder eine Ablehnung von Schwarz-Rot-Gold noch eine Geringschätzung des Feiertags ableiten. Eine solche Schlussfolgerung wird dem Zweck der Veranstaltung nicht gerecht.“ ### Genau darin liegt das Problem Niemand muss den Organisatoren eine „Ablehnung“ der deutschen Farben unterstellen. Das wäre tatsächlich eine Behauptung, für die es keine Grundlage gibt. Viel interessanter – und vielleicht bezeichnender – ist die ausdrücklich erklärte Trennung: Hier das Bürgerfest für Demokratie und Engagement, dort der Tag der Deutschen Einheit. Der 3. Oktober sei eben „der Veranstaltungstermin“ gewesen. Demokratie ist kein abstraktes Wohlfühlwort, das losgelöst von Geschichte, Staat und Institutionen existiert. Die Demokratie, in der wir heute in Osnabrück Vereine gründen, Parteien wählen, demonstrieren, publizieren und uns ehrenamtlich engagieren können, ist das Ergebnis einer konkreten deutschen Freiheitsgeschichte. Schwarz-Rot-Gold gehört zu dieser Geschichte. Diese Farben standen 1832 für Freiheit und nationale Einheit, 1848 für den Versuch einer parlamentarischen Demokratie, in der Weimarer Republik für den demokratischen Staat und nach 1949 für die freiheitliche Bundesrepublik. Seit 1990 sind sie die Farben des wiedervereinigten Deutschlands. Wer ausgerechnet am 3. Oktober ein „Bürgerfest für Demokratie und Ehrenamt“ veranstaltet, muss daraus keine patriotische Leistungsschau machen. Niemand braucht ein Fahnenmeer auf dem Ledenhof. Aber ein selbstbewusstes und sichtbares Bekenntnis zu Schwarz-Rot-Gold hätte sehr gut zu genau jener Demokratie gepasst, die in den Ankündigungen der Stadt gleich viermal beschworen wurde. Dass der deutsche Nationalfeiertag bei diesem Fest offenbar tatsächlich nicht mehr als „der Veranstaltungstermin“ war, sagt deshalb vielleicht mehr über unseren heutigen Umgang mit der eigenen demokratischen Geschichte aus, als den Organisatoren lieb sein dürfte. --- Quelle: HASEPOST – Die Zeitung für Osnabrück