# VW-Werk Osnabrück vor dem Neustart: Einige Reaktionen aus der Politik Typ: Artikel Veröffentlicht: 2026-09-08T07:00:42+02:00 Zuletzt aktualisiert: 2026-09-08T07:01:03+02:00 Kanonische URL: https://hasepost.de/vw-werk-osnabrueck-vor-dem-neustart-einige-reaktionen-aus-der-politik-752837/ Kategorie: Aktuell --- Nach Monaten der Unsicherheit gibt es eine neue Perspektive für das Volkswagen-Werk in Osnabrück. Das Land Niedersachsen und der Investor Aurelius Capital sollen den Standort übernehmen und ihn nach dem Auslaufen der Automobilproduktion zu einem Kompetenzzentrum für Sicherheits- und Verteidigungslösungen weiterentwickeln. In der Osnabrücker Politik sorgt die Einigung für Erleichterung – zugleich wird davor gewarnt, dass damit noch längst nicht die Zukunft aller Beschäftigten gesichert ist. ## 1.400 Arbeitsplätze im Blick Die Automobilproduktion am Standort Fledder soll im Sommer 2027 auslaufen. Anschließend soll das Werk schrittweise neu ausgerichtet werden. Als erstes Ankerprojekt ist der Aufbau von Fertigungskapazitäten für Luftverteidigungssysteme vorgesehen. Nach Angaben der Beteiligten soll damit für rund 1.400 der derzeit etwa 1.800 Beschäftigten eine Anschlussperspektive geschaffen werden. Für diese Arbeitsplätze ist eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2029 vorgesehen. ### Oberbürgermeisterin sieht große industrielle Chance Oberbürgermeisterin Katharina Pötter begrüßte die Einigung, machte in einer Mitteilung aber zugleich deutlich, dass der Abschied von der klassischen Fahrzeugproduktion für Osnabrück schmerzhaft sei: „Der Erhalt des Industriestandorts im Fledder hat für Osnabrück oberste Priorität. Dass eine Schließung des Werkes abgewendet werden konnte und das Land Niedersachsen gemeinsam mit Aurelius Verantwortung übernimmt, ist eine gute Nachricht für unsere Stadt. Mein persönlicher Dank gilt Ministerpräsident Olaf Lies für seinen verlässlichen Einsatz. Gleichzeitig schmerzt der Abschied von der zivilen Fahrzeugfertigung nach über 150 Jahren Tradition. Die künftige Ausrichtung auf moderne Sicherheits- und Verteidigungslösungen steht im Einklang mit der Resolution unseres Rates, der im April mit breiter, fraktionsübergreifender Mehrheit erklärt hat, dass ein Beitrag zum Schutz von Demokratie und Freiheit mit unserer Identität als Friedensstadt vereinbar ist. Die Entwicklung unseres Werks zu einem Kompetenzzentrum für Sicherheits- und Verteidigungslösungen eröffnet Osnabrück eine riesige industrielle Chance. Die Perspektive für mehr als 1.200 Beschäftigte ist ein ermutigender erster Meilenstein, auf dem wir aufbauen wollen. An der Seite der Belegschaft, des Betriebsrats und der Gewerkschaft setzen wir uns dafür ein, dieses wachsende Zukunftsfeld gemeinsam mit Volkswagen und den Partnern zu nutzen, um Schritt für Schritt auch für alle weiteren Beschäftigten eine verlässliche Zukunft zu sichern.“ ### SPD-Kreistagsfraktion spricht von „echter Zukunftschance“ für den Standort Auch Jutta Olbricht, Vorsitzende der SPD-Kreistagsfraktion, wertete die geplante Neuausrichtung als Chance. Bei einem Treffen auf Einladung des VW-Betriebsratsvorsitzenden Jürgen Placke und des 1. Bevollmächtigten der IG Metall, Stephan Soldanski, wurde über die Zukunft des Standorts und die Perspektiven der Beschäftigten diskutiert. „Für den Standort Osnabrück kann darin eine echte Zukunftschance liegen,“ erklärte Olbricht. Die Neuausrichtung könne dazu beitragen, industrielle Kompetenzen, qualifizierte Arbeitsplätze und das Know-how der Beschäftigten langfristig am Standort zu sichern und weiterzuentwickeln. Die Entscheidung für eine Übernahme und Neuausrichtung des Werks sei angesichts der bestehenden Herausforderungen alternativlos gewesen. Nun komme es darauf an, den eingeschlagenen Weg auch politisch zu begleiten und die Interessen der Beschäftigten in den Mittelpunkt zu stellen. „Dafür braucht es nun den Schulterschluss von Politik, Arbeitnehmervertretungen, Unternehmen und dem Land Niedersachsen“, forderte Olbricht. ### Alferink warnt vor zu früher Entwarnung Der Osnabrücker SPD-Oberbürgermeisterkandidat Robert Alferink begrüßte die Einigung ebenfalls, warnte jedoch davor, die bisherigen Vereinbarungen bereits als endgültige Lösung zu betrachten. „Für viele Beschäftigte und ihre Familien ist das heute zunächst eine gute Nachricht. Nach Monaten der Unsicherheit gibt es endlich eine konkrete Perspektive für den Standort. Mein erster Gedanke gilt deshalb den Menschen, die in den vergangenen Monaten nicht wussten, wie es mit ihrem Arbeitsplatz weitergeht“, erklärte Alferink. Er würdigte den Einsatz von Belegschaft, Betriebsrat und IG Metall sowie das Engagement von Ministerpräsident Olaf Lies und des Landes Niedersachsen. „Dass wir heute überhaupt über eine industrielle Zukunft des Werkes sprechen können, ist keine Selbstverständlichkeit. Die Beschäftigten, der Betriebsrat und die Gewerkschaft haben über Monate für ihren Standort gekämpft. Und Ministerpräsident Olaf Lies hat deutlich gemacht, dass das Land bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv an einer Lösung zu beteiligen. Dafür gebührt allen Beteiligten Anerkennung.“ ### Doch nur 1.200 Arbeitsplätze? Für Alferink bleibt allerdings ein großes Problem bestehen: Wenn nicht alle Arbeitsplätze erhalten bleiben, fehlen weiterhin Perspektiven für zahlreiche Beschäftigte. „Deshalb wäre es falsch, heute schon Entwarnung zu geben. Wenn am Ende rund 1.200 von heute etwa 1.800 Arbeitsplätzen verbleiben, fehlen uns weiterhin Perspektiven für viele Menschen. Und auch eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2029 ist noch keine langfristige Garantie.“ Die Einigung bezeichnet er als Meilenstein, „aber jetzt beginnt die eigentliche Arbeit“. Auch für Teile der Technischen Entwicklung müssten Lösungen gefunden werden. Volkswagen dürfe sich mit der Überführung des Standorts in eine neue Struktur nicht aus seiner Verantwortung zurückziehen. ### Friedensstadt und Verteidigungsindustrie Der SPD-Politiker machte zugleich deutlich, dass er eine wirtschaftlich tragfähige zivile industrielle Nutzung mit einer vergleichbaren Zahl langfristig gesicherter Arbeitsplätze grundsätzlich bevorzugt hätte. Eine solche Alternative habe sich bislang jedoch nicht ergeben. Die geplante Ausrichtung auf Verteidigungstechnik hält er dennoch für vertretbar. „Wenn jetzt eine realistische industrielle Perspektive entsteht, mit der ein großer Teil der Arbeitsplätze gesichert werden kann, dürfen wir uns dem nicht verwehren. Friedenspolitik bedeutet für mich nicht, die veränderte Sicherheitslage in Europa auszublenden. Luftverteidigungssysteme dienen dem Schutz von Menschen, Städten und kritischer Infrastruktur vor Angriffen. Frieden braucht Diplomatie und Verständigung, aber Frieden muss auch verteidigt werden können.“ ### FDP/UWG sieht Verteidigungsproduktion als Chance Auch die FDP/UWG-Ratsfraktion begrüßte die Einigung. Oliver Hasskamp, stadtentwicklungspolitischer Sprecher der Gruppe und FDP-Oberbürgermeisterkandidat, bezeichnete die Vereinbarung als wichtiges Signal für die Beschäftigten. „Für die Beschäftigten am Standort Fledder und ihre Familien ist diese Einigung ein wichtiges Signal. Nach Monaten der Unsicherheit gibt es nun eine tragfähige Perspektive für den überwiegenden Teil der Arbeitsplätze“, erklärte Hasskamp. „Wir unterstützen ausdrücklich alle Bestrebungen, die dazu beitragen, Arbeits- und Ausbildungsplätze in Osnabrück zu erhalten.“ Hasskamp betonte zugleich, dass es sich bei den geplanten Aktivitäten nicht um klassische Rüstungsproduktion handele, sondern um Verteidigungsproduktion. Das geplante Ankerprojekt für Luftverteidigungssysteme diene dem Schutz von Menschen vor Angriffen aus der Luft und nicht der Herstellung offensiver Waffensysteme. Dr. Thomas Thiele, Gruppenvorsitzender der FDP/UWG, ergänzte: „Verteidigungsfähigkeit ist in der aktuellen sicherheitspolitischen Lage in Europa eine notwendige und legitime Aufgabe. Wer Menschen vor Bedrohungen schützt, betreibt keine Aufrüstung zu Angriffszwecken, sondern leistet einen Beitrag zur Sicherheit unseres Landes und unserer Partner“, ergänzt Dr. Thomas Thiele, Gruppenvorsitzender. „Diese Klarstellung ist uns wichtig, damit die Debatte vor Ort sachlich geführt wird.“ Die FDP/UWG kündigte an, den weiteren Prozess konstruktiv, aber kritisch zu begleiten. Insbesondere müssten für die Beschäftigten, die nicht von der neuen Perspektive erfasst werden, schnell Lösungen gefunden werden. Zudem fordert die Gruppe eine frühzeitige und transparente Information des Stadtrats über die weiteren Schritte. ### Die große Aufgabe beginnt erst Damit ist die Zukunft des Osnabrücker VW-Werks zwar ein gutes Stück konkreter geworden, endgültig geklärt ist sie aber noch nicht. Die entscheidende Frage wird sein, ob aus dem geplanten Kompetenzzentrum tatsächlich ein langfristig tragfähiger Industriestandort wird – und ob es gelingt, über die zunächst zugesagten Arbeitsplätze hinaus weitere Beschäftigung nach Osnabrück zu holen. --- Quelle: HASEPOST – Die Zeitung für Osnabrück