# VfL-Cheftrainerin Dr. Janina Braun über die Zukunft der Schwimmabteilung und Olympia-Träume Typ: Artikel Veröffentlicht: 2026-10-06T17:30:06+02:00 Zuletzt aktualisiert: 2026-10-06T18:08:05+02:00 Kanonische URL: https://hasepost.de/vfl-cheftrainerin-dr-janina-braun-ueber-die-zukunft-der-schwimmabteilung-und-olympia-traeume-763775/ Kategorie: Aktuell --- Die Schwimmabteilung des VfL Osnabrück arbeitet seit Jahren erfolgreich im Nachwuchs- und Leistungssport. Cheftrainerin Dr. Janina Braun ist seit 2010 in Osnabrück tätig und hat einige Talente bis in den DSV-Kader und zu internationalen Wettbewerben begleitet. Im Interview spricht sie über ihre eigene Laufbahn, fehlende Internatsplätze, die sinkende Schwimmfähigkeit von Kindern, die schwierigen Bedingungen im Leistungssport und ihre Vision für die VfL-Schwimmabteilung. # „Nichts ist schlimmer als Stillstand“ Du warst selbst aktive Leistungsschwimmerin. Was hat dich ursprünglich zum Schwimmsport gebracht? Das war schon als Kind. Meine Schwester und ich haben relativ früh einen Schwimmkurs besucht. Der Trainer dort hat direkt gesehen, dass wir eine gute Wasserlage und ein gutes Wassergefühl haben, und uns angesprochen, ob wir im Verein schwimmen wollen. Was gibst du heute als Trainerin von deiner eigenen Erfahrung an deine Athleten weiter? Ich hoffe, vor allem die Begeisterung für das Schwimmen weiterzugeben. Ich mache das seit klein auf, mit sechs Jahren hatte ich meinen ersten Wettkampf. Ich habe wirklich viel Zeit und Herzblut in den Schwimmsport investiert. Ich hoffe einfach, dass das auch in meiner Trainertätigkeit rüberkommt, dass ich das Schwimmen lebe und es meine Leidenschaft ist. Wie bist du nach Osnabrück gekommen? Nach meinem Abitur habe ich Sport in Köln studiert und bin dort auch weiter leistungsmäßig geschwommen. Eigentlich wollte ich nie in die Trainertätigkeit, sondern eher in die Leistungsdiagnostik. Ich habe verschiedene Praktika gemacht und hatte das IAT (Institut für Angewandte Trainingswissenschaft) ein bisschen im Auge, dort waren aber keine Stellen frei. Dann hat mein ehemaliger Trainer aus Bremen, wo ich herkomme, seinen Abschied in Osnabrück gefeiert. Er war Cheftrainer der SG Osnabrück und ist nach Australien ausgewandert. Bei der Abschiedseier fragte er mich: „Wieso machst du das nicht?“ Ich habe darüber nachgedacht, mich beworben, wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen – und bekam die Zusage. Was bedeutet deine Position als Cheftrainerin für dich? Den Titel „Cheftrainerin“ hänge ich gar nicht so hoch. Mir geht es darum, Verantwortung zu übernehmen und meine Erfahrung einzubringen, damit sich der Schwimmsport und der VfL Osnabrück weiterentwickeln. Durch meine Arbeit habe ich viele Kontakte zu anderen Stützpunkten und Trainern und schaue, welche Ideen wir nach Osnabrück übertragen können. Natürlich funktioniert nicht alles sofort. Aber nichts ist schlimmer als Stillstand. Man muss Visionen haben, Dinge ausprobieren und vorwärtsgehen. # Der schwierige Traum vom Schwimmer-Internat Es war schon einmal von einem Internat für den Schwimmnachwuchs die Rede. Wie ist der aktuelle Stand? Ein Internat wäre für uns sehr wichtig, weil sich das Schwimmtraining über den ganzen Tag verteilt. Eine Kooperation mit einem Internat in Nordrhein-Westfalen hat gut funktioniert, wird aber von den niedersächsischen Sportverbänden nicht finanziert. Deshalb setzen wir jetzt auf Sportler-Wohngemeinschaften, wie es sie an anderen Stützpunkten gibt. Ein 18-jähriger Sportler lebt bereits in einer solchen Wohngemeinschaft. Ich hoffe, dass daraus langfristig weitere Wohnmöglichkeiten für unsere Sportler entstehen. Ist ein Modell wie der Stützpunkt Magdeburg dein Vorbild? Der Stützpunkt Magdeburg ist für mich das Nonplusultra in Deutschland und ein Vorbild für meine Arbeit. Dort wurde mit einer klaren Vision etwas Großes aufgebaut. Natürlich haben wir in Osnabrück andere Möglichkeiten, aber auch hier möchte ich etwas entwickeln und den Standort Schritt für Schritt voranbringen. Warum immer mehr Kinder nicht schwimmen können Heutzutage können immer weniger Kinder schwimmen. Woran liegt das deiner Erfahrung nach? Das hat mehrere Gründe. Corona hatte großen Einfluss, weil Schwimmunterricht zeitweise gar nicht möglich war. Hinzu kommen begrenzte Kapazitäten und Kosten. Sowohl bei der DLRG (Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft) als auch bei den Vereinen gibt es Wartelisten. Gleichzeitig wünschen sich viele Eltern kleine Gruppen, warmes Wasser und eine möglichst individuelle Betreuung. Das können die Vereine kaum leisten. In Osnabrück fehlen dafür geeignete und bezahlbare Wasserflächen. Die Zahl der Bäder und verfügbaren Zeiten ist begrenzt – und damit auch die Zahl der Plätze. Welche Rolle spielt der Schwimmunterricht in den Schulen? Ich finde, die Aufgabe der Schule sollte nicht sein, aus Nichtschwimmern Schwimmer zu machen, sondern vorhandene Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Eigentlich müsste die Wassergewöhnung schon in der Kita beginnen und jedes Kind bei der Einschulung möglichst das Seepferdchen haben. Das ist allerdings auch eine Personalfrage, denn für den Schwimmbadbesuch fehlen Betreuungskräfte dann in der Kita und es müssen bestimmte Voraussetzungen wie Rettungsfähigkeit erfüllt sein. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass selbst in der fünften oder sechsten Klasse noch viele Kinder nicht schwimmen können. Das ist traurig. Spätestens in der zweiten oder dritten Klasse sollte jedes Kind schwimmen können. # Der lange Weg zum Leistungssport Wie gelingt es, Nachwuchsschwimmer zu Leistungssportlern zu entwickeln? Nicht jeder Nachwuchssportler schafft den Sprung in den Leistungssport. Gerade in der Pubertät hören viele auf, denn Schwimmen ist extrem zeitaufwendig und verlangt zunehmend Verzicht. Jugendlichen zu vermitteln, dass dieser Einsatz notwendig ist, um später den Schritt vom Nachwuchs- in den Leistungssport zu schaffen, ist nicht einfach. Kann man vom Schwimmen als Leistungssportler eigentlich leben? Vom Schwimmen allein kann man in Deutschland kaum leben. Natürlich gibt es Sponsorenverträge, Stipendien oder die Möglichkeit, nach dem Abitur mit einem Sportstipendium in den USA zu studieren. Trotzdem bietet der Leistungssport viel: Er fördert Disziplin, Durchhaltevermögen, Persönlichkeitsentwicklung und soziale Fähigkeiten. Reich wird man damit allerdings nicht. Wie finanzieren sich Schwimmer, die bei Olympia antreten? Viele Schwimmer im Olympiakader finanzieren sich über Sportförderstellen bei Bundeswehr oder Polizei. Hinzu kommen Förderungen durch die Sporthilfe. Viele absolvieren parallel ein Fernstudium, um sich auf die Zeit nach der sportlichen Karriere vorzubereiten. Mit dem Fußball ist das finanziell kaum vergleichbar. Obwohl der Trainingsaufwand enorm ist, verdienen Profischwimmer nur einen Bruchteil von dem, was Profifußballer verdienen. Ein Grund sind die fehlenden Vermarktungsmöglichkeiten: Es gibt deutlich weniger Fernsehübertragungen und Werbeflächen. Werbung auf der Badebekleidung ist nur begrenzt möglich und im Wasser ohnehin kaum zu sehen. # Erfolge und Olympia-Träume Auf welche Erfolge mit deinen Sportlern bist du besonders stolz? Da gibt es einige: Jonas Bergmann war 2015 mein erster offener Deutscher Meister, später wurde er Vize-Europameister bei den Junioren und Vierter bei der Junioren-Weltmeisterschaft. Daniel Olenberg habe ich von Anfang an begleitet. Er nahm zweimal an den Junioren-Europameisterschaften teil und gewann dort mit der Staffel zweimal Silber. Auch Fabio Berendes war bei den Junioren-Europameisterschaften vertreten und hat sich bis in den Perspektivkader des Deutschen Schwimm-Verbandes hochgearbeitet – trotz der schwierigen Bedingungen und des weiten Fahrtwegs aus Emsbüren. Besonders stolz bin ich auch auf Julian Füllgraf, meinen ersten Parasportler. Wir haben viel voneinander gelernt und seine Entwicklung bis zur Europameisterschaft gemeinsam erlebt. Am schönsten finde ich aber, junge Menschen über Jahre zu begleiten. Es müssen nicht immer die großen Titel sein. Zu sehen, wie sich ein Jugendlicher sportlich und persönlich zum Erwachsenen entwickelt, ist für mich genauso ein Erfolg. Gibt es einen Osnabrücker Schwimmer, den du bei Olympia siehst? Meines Wissens hat noch kein Schwimmer aus Osnabrück an Olympischen Spielen teilgenommen. Natürlich ist das für Sportler und Trainer ein großer Traum. Julian Füllgraf hat Los Angeles 2028 im Blick, vielleicht wird es auch erst 2032. Auch Fabio und Daniel haben durch ihre Zugehörigkeit zum Kader des Deutschen Schwimm-Verbandes grundsätzlich die Chance und den Wunsch, einmal bei Olympia dabei zu sein. Wer bezahlt EM und Olympia? Wenn man für eine Veranstaltung nominiert worden ist, wie beispielsweise für die EM, zahlt der Verband. Es gibt aber Unterschiede, welcher Verband die Kosten übernimmt. Das ist je nach Veranstaltung unterschiedlich. Als Sportler hat man dann keine eigenen Kosten. Es gibt immer Vorbereitungsmaßnahmen vom Verband, die für den Sportler ebenfalls nicht kostenpflichtig sind. Wenn man zusätzlich etwas machen möchte, muss man das natürlich aus eigener Tasche bezahlen. # Die Vision für die nächsten zehn Jahre Der VfL Osnabrück wird fast ausschließlich mit Fußball verbunden. Viele wissen gar nicht, dass es eine Schwimmabteilung gibt, oder? Ich wünsche mir, dass die Schwimmabteilung des VfL bekannter wird. Der Verein wird fast ausschließlich mit Fußball verbunden, das stimmt. Wenn wir mit dem VfL-Bulli unterwegs sind, werde ich sogar manchmal gefragt: „Wie ist das Spiel ausgegangen?“ Dabei haben auch wir Schwimmer Erfolge vorzuweisen. Eine größere Bekanntheit könnte zudem neue Sponsoren auf die Abteilung aufmerksam machen und finanziell neue Möglichkeiten eröffnen. Wo soll die Schwimmabteilung des VfL in zehn Jahren stehen? Ich hoffe, dass wir in zehn Jahren deutlich bekannter sind und weitere Erfolge feiern konnten – vielleicht sogar mit einem Sportler, der in Osnabrück ausgebildet wurde und später an Olympischen Spielen teilnimmt. Wir sind kein Bundesstützpunkt und können Athleten deshalb nicht bis ganz nach oben begleiten. Mein Ziel wäre außerdem ein Internat und ein starker Standort als Pendant zu Hannover. Gleichzeitig soll Schwimmen in Osnabrück in seiner ganzen Breite gelebt werden, vom Anfängerschwimmen über den Breitensport bis zum Leistungssport. --- Quelle: HASEPOST – Die Zeitung für Osnabrück