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Startseite AktuellMösers Meinung – zum Thema „Flagge“
AktuellMeinung & KolumneMösers Meinung

Mösers Meinung – zum Thema „Flagge“

von Justus Möser 20. November 2015
von Justus Möser 20. November 2015
HASEPOST Redaktion
7

Guten Abend,

ich hoffe, alles ist gut! Die Flaggen hängen auf halbmast an der Iburger Straße, zwischen Edeka und Polizeistation. Es passiert soviel in immer kürzeren Zeitabständen. Gerade trauert man noch um Helmut Schmidt, und ein paar Tage später werden in Paris völlig wahl- und sinnlos mehr als 130 Menschen erschossen. Beim Feiern in einer Konzerthalle, beim Essen in einem Restaurant, beim Flanieren an einem lauen Novemberabend. Man kommt aus dem Trauern gar nicht mehr raus. Und der Staat zeigt Flagge, im wahrsten Sinne des Wortes.

Mösers Meinung zum Thema "Flagge"

Als ich im Dienste des Staates stand, gab es unsere Nationalflagge noch gar nicht. Damals hatten wir ganz andere Sorgen als irgendwelche Fahnen. Zum Beispiel, wie wir den Menschen Rechtssicherheit und Schutz vor staatlicher Willkür geben konnten. Aber für die Deutschen wurde die Flaggenfrage ab dem 19. Jahrhundert immer wichtiger. Schwarz-weiß-rot waren die ersten Nationalfarben des 1871 von Bismarck zusammengeschmiedeten Deutschen Reichs, dann gab es in der Weimarer Republik die Farben Schwarz-rot-gold. Sie sollten Einigkeit und Freiheit symbolisieren, weil sie von preußischen Soldaten, dem sogenannten Lützowschen Freikorps, schon während der Kriege gegen Napoleon getragen und anschließend von Studentenverbänden als Zeichen für den Willen zur Bildung eines deutschen Staates und zur politischen Mitbestimmung verwendet wurden.

Im 18. Jahrhundert erschienen dem einfachen Bürger solche Forderungen noch als bloße Utopie, aber schwarz-rot-gold war dann tatsächlich die Farbenkombination, die ein Jahrhundert später für ein gesamtdeutsches Vaterland von freien und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmenden Menschen stand. Beim Hambacher Fest im Jahr 1832, der ersten offiziellen Protestversammlung für einen souveränen deutschen Staat, und auch 1848 bei den zaghaften Revolutionsversuchen gegen eine übermächtige Obrigkeit, wehten Flaggen in diesen Farben. 1933 wurden sie dann zwölf Jahre lang von der unsäglichen Hakenkreuzflagge abgelöst, die heute noch zur Mahnung gereicht, was passiert, wenn sich eine radikale und von allen guten Geistern verlassene Partei den Staat zur Beute macht. Es fängt mit der Fahne an! Nachdem die Zeit des Naziterrors vorbei war, gab es in Deutschland zwei Fahnen: im Osten schwarz-rot-gold mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz und im Westen die bescheidenere Variante nur mit der traditionellen Farbkombination. Die westdeutsche Variante gilt seit 1990 für ganz Deutschland.

Ich bin heute wieder an den beiden Flaggen auf halbmast vorbeigegangen, die an der Iburger Straße hängen. Es war sehr regnerisch und windig, und die Flaggen machten auf mich einen müden Eindruck. Offensichtlich hatten sie keine Lust mehr, verloren im Regen rumzuhängen. Vielleicht sollte man ihnen mehr Beachtung schenken, denn sie können ja nichts dafür, daß es die Deutschen nach der Hitlerzeit nicht mehr so sehr mit ihrer Nationalflagge haben. Die Begeisterung für sie reicht gerade mal ein Sommermärchen lang, dann wird sie abgerissen und weggeworfen, fristet ihr Dasein an schmuddeligen Autobahnauffahrten und wartet auf bessere Tage. In diesen schlimmen Zeiten wird durch die Nutzung der Farben der französischen Trikolore von vielen Menschen ihre Solidarität mit Frankreich und den Opfern des Terrors in der Nacht vom 13. auf den 14. November zum Ausdruck gebracht. Es ist nur eine kleine Geste, aber sie zeugt doch von der Verbundenheit aller aufrechten und freiheitsliebenden Bürger mit dem französischen Volk. Mir gefällt das. Hoffentlich müssen wir die deutsche Fahne nicht irgendwann mal in diesem Sinne verwenden. Sie hat nämlich schon genug mitgemacht. Ich wünsche allen Hasepost-Lesern ein schönes Wochenende.

Ihr

Justus Möser

Hier alle bislang erschienenen Kolumnen von Justus Möser.

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Justus Möser

Justus ist unser "ältester Mitarbeiter", seit 1720 wandelt er durch unsere Stadt - wobei er inzwischen eher "geistert". Sein Vertreter in der Gegenwart ist unser Autor Wolfgang Niemeyer, der sich in dieser Kolumne regelmäßig darüber Gedanken macht „was würde Möser dazu meinen“?

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