# Hostile-Media-Effekt oder warum Leser der NOZ gegen die Meinung einzelner Redakteure zu Felde ziehen Typ: Artikel Veröffentlicht: 2026-09-16T22:06:03+02:00 Zuletzt aktualisiert: 2026-09-16T22:36:47+02:00 Kanonische URL: https://hasepost.de/hostile-media-effekt-oder-warum-leser-der-noz-gegen-die-meinung-einzelner-redakteure-zu-felde-ziehen-756584/ Kategorie: Aktuell --- Rund 30 Menschen protestierten am Mittwoch vor dem Verlagshaus der NOZ gegen einen angeblich „rechtspopulistischen Kurs“ der Osnabrücker Tageszeitung, deren überregionaler Mantel inzwischen zahlreiche andere Regionalzeitungen mit Politik- und weiteren überregionalen Inhalten versorgt. Die Kritik konzentriert sich vor allem auf drei Redakteure. Einen systematischen Nachweis für die behauptete politische Schlagseite legt die Initiative bislang nicht vor. Viele Teilnehmer an diesem verregneten Mittwochnachmittag waren bereits im fortgeschrittenen Alter – damit Vertreter jener klassischen Zeitungsleserschaft, die noch die Trennung zwischen dem „Mantel“, also dem überregionalen Teil einer Tageszeitung, und den weiteren „Büchern“ wie Lokal- und Sportteil kennt. Vertreten waren unter anderem die „Omas gegen Rechts“. Aufgerufen hatte die Initiative „[Aktion NOZ-kritisch](https://noz-kritisch.de/)“, die der Tageszeitung seit Monaten einen zunehmend „rechtspopulistischen Kurs“ vorwirft. ## Zu große Bilder von AfD-Politikern und ein zu negatives Bild von Deutschland? Die Gruppe hatte ihren Protest bereits Anfang September angekündigt. In ihrem Aufruf wirft sie insbesondere NOZ-Chefredakteur Burkhard Ewert vor, die AfD in seinen Beiträgen zu verharmlosen. Kritisiert werden außerdem zu großformatige Fotos von AfD-Politikern und Partei-Logos, die nach Auffassung der Initiative teilweise wie kostenlose Parteienwerbung wirken würden. Die NOZ zeichne darüber hinaus ein zu negatives Bild von Deutschland und fördere damit Staatsverdrossenheit, lautet ein weiterer Vorwurf. Die Kritik der Initiative konzentriert sich seit längerem auf einen kleinen Teil der deutlich größeren Redaktion. Neben Ewert werden auf der Internetseite der Gruppe immer wieder Michael Clasen und Philipp Ebert genannt. Auf der Seite ist zudem unter der Bezeichnung „Partner“ ein privater Blog verlinkt, der sich ähnlich einseitig an den immer gleichen NOZ-Autoren abarbeitet. ### Gesammelte Zeitungsteile landen schließlich in der Altpapiertonne Bei der Demonstration wurde zunächst ein offener Brief verlesen. Anschließend legten die Teilnehmer zahlreiche in den vergangenen Wochen gesammelte Exemplare des Mantelteils der NOZ auf der Straße vor dem Verlagsgebäude ab. Gedacht war die Aktion ursprünglich als demonstrative „Rückgabe“ der Zeitung. Nachdem weder ein Vertreter der Redaktion noch der Geschäftsleitung vor dem Gebäude erschien, wurden die gesammelten Zeitungsteile schließlich in einer eigens mitgebrachten Altpapiertonne entsorgt. ### Vor allem gekennzeichnete Meinungsbeiträge stehen in der Kritik Auffällig ist, wie stark sich die Kritik an einer angeblichen politischen Neuausrichtung der gesamten Zeitung an den deutlich gekennzeichneten Kommentaren weniger Autoren festmacht. Kommentare sind ausdrücklich als Meinungsbeiträge ausgewiesen und nur ein Teil des journalistischen Angebots einer Tageszeitung. Gerade im überregionalen Mantel finden sich daneben Nachrichten, Interviews, Analysen, Gastbeiträge und Kommentare unterschiedlicher Autoren. Dass einzelne Leser die Positionen von Ewert, Clasen oder Ebert als zu weit rechts empfinden, lässt sich kaum bestreiten – schließlich ist genau diese Wahrnehmung Ausgangspunkt der Initiative. Ob daraus jedoch auf eine systematische politische Schlagseite der gesamten Berichterstattung geschlossen werden kann, ist eine andere Frage. Genau an diesem Punkt bleibt die Aktion NOZ-kritisch bislang einen belastbaren Nachweis schuldig. ### Eine „Auswertung“ ohne öffentlich nachvollziehbare Methodik Im Vorfeld der Demonstration erklärte Mitinitiator Stefan Rümmele gegenüber der [taz](https://taz.de/Leser-ueber-Protest-gegen-Regionalzeitung/!6207907/), man habe die Wahlberichterstattung der NOZ „ausgewertet“. Als Beleg nannte er insbesondere die Größe und Gestaltung von Fotos mit AfD-Kandidaten. Öffentlich nachvollziehbare Angaben dazu, welcher Zeitraum untersucht wurde, wie viele Beiträge in die Auswertung eingingen, mit welchen Vergleichsgruppen gearbeitet oder nach welchen Kriterien die Beiträge bewertet wurden, finden sich jedoch nicht. ### Befragung unter Teilnehmern des eigenen Treffens ist keine Medienanalyse Auf ihrer Internetseite veröffentlicht die Initiative Ergebnisse einer Befragung unter Teilnehmern eines ihrer Treffen – mithin innerhalb einer Gruppe, die gerade wegen ihrer gemeinsamen Kritik an der NOZ zusammengekommen war. Grundlage waren unter anderem zehn ausgefüllte „Wunschzettel“ sowie jeweils sechs sogenannte „Zwischenzeugnisse“ und „Abschiedsbriefe“. Das dokumentiert die Meinung der beteiligten Personen. Eine Untersuchung der Berichterstattung der NOZ ist es nicht. ### Die These ließe sich überprüfen – und auch widerlegen Gerade für die Behauptung einer systematischen politischen Einseitigkeit gibt es in der Medienwissenschaft ein vergleichsweise nüchternes, wenn auch arbeitsintensives Instrument: die Inhaltsanalyse. Dafür müsste zunächst ein Untersuchungszeitraum definiert und anschließend beispielsweise erfasst werden, wie häufig Parteien vorkommen, wie groß Fotos tatsächlich ausfallen, wo Beiträge platziert sind, ob Überschriften positiv, neutral oder negativ formuliert sind und ob es sich um Nachricht, Interview, Kommentar oder Gastbeitrag handelt. Vor allem müsste mit denselben Kriterien bei CDU, SPD, Grünen, Linken, AfD und anderen Parteien gearbeitet werden. Wissenschaftliche Inhaltsanalysen setzen nachvollziehbare Auswahl- und Codierungsregeln voraus und müssen Bewertungen möglichst reproduzierbar machen. Erst eine solche Untersuchung könnte zeigen, ob die von den NOZ-Kritikern wahrgenommene Bevorzugung tatsächlich vorhanden ist – oder ob besonders störende Beiträge stärker wahrgenommen und erinnert werden, obwohl die Redaktion insgesamt ein breiteres Meinungsspektrum veröffentlicht. ### Medienwissenschaft kennt das Problem subjektiver Wahrnehmung Dass Leser Berichterstattung als politisch verzerrt wahrnehmen können, obwohl andere Leser denselben Inhalt völlig anders bewerten, ist in der Medienwirkungsforschung seit Jahrzehnten bekannt. Der sogenannte „[Hostile-Media-Effekt](https://journalistikon.de/hostile-media-effekt/)“ beschreibt das Phänomen, dass Menschen mit einer starken eigenen Position selbst ausgewogene Berichterstattung eher als gegen die eigene Seite gerichtet wahrnehmen können. Das Phänomen ist in zahlreichen Untersuchungen und bei unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Konfliktthemen nachgewiesen worden. Das beweist selbstverständlich nicht, dass die Kritik der Osnabrücker Initiative auf einem solchen Wahrnehmungseffekt beruht. Es zeigt aber, warum subjektiver Eindruck und wissenschaftlich belegbare Einseitigkeit nicht dasselbe sind. ### HASEPOST hatte die Gruppe bereits kritisch begleitet Der Autor dieses Artikels hatte sich bereits im Frühjahr in zwei Kommentaren [kritisch mit „NOZ-kritisch“ beschäftigt](https://hasepost.de/kommentar-kritik-an-anderen-meinungen-oder-doch-lieber-gleich-verbieten-692183/). Damals ging es unter anderem um die Frage, ob die Initiative tatsächlich mehr Meinungsvielfalt einfordert – oder vor allem daran Anstoß nimmt, dass bestimmte konservative oder ihr anderweitig missfallende Positionen überhaupt veröffentlicht werden. In einem Podcast, auf den sich der damalige Kommentar bezog, wurde beispielsweise beklagt, dass bestimmte Gastautoren überhaupt in der NOZ schreiben durften. Kommentar des Redakteurs Kritik an einer Zeitung ist legitim. Leser dürfen Beiträge schlecht finden, Abonnements kündigen, vor einem Verlag demonstrieren und ihre alten Zeitungen symbolisch in eine Mülltonne werfen. Dasselbe gilt für Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk, bis hin zur Forderung, ihn in seiner heutigen Form abzuschaffen – selbst wann andere das wieder als „rechts“ empfinden. Die Meinungs- und Pressefreiheit schützt gerade den offenen Streit über solche Positionen. Und Journalisten sind davon nicht ausgenommen Position beziehen zu dürfen. Im Gegenteil: Die Freiheit der Presse wird in Artikel 5 des Grundgesetzes ausdrücklich geschützt. Und selbstverständlich darf man auch diesen Artikel doof finden und das direkt unten auf dieser Seite kommentieren. Wer jedoch nicht nur einzelne Artikel und Kommentare kritisiert, sondern einer gesamten Redaktion einen „rechtspopulistischen Kurs“, systematische Einseitigkeit oder gar die publizistische Förderung einer Partei vorwirft, formuliert einen erheblich weitergehenden Vorwurf. Dafür reichen fein sezierte einzelne Sätze aus umfangreichen Kommentaren, als zu groß empfundene Fotos und die Wahrnehmung einiger enttäuschter Leser allein nicht aus. Der Protest am Breiten Gang dokumentierte an diesem Mittwochnachmittag deutlich den Unmut seiner rund 30 Teilnehmer. Dass dieser Unmut vorhanden ist, steht außer Frage. Ob daraus jedoch der behauptete politische Rechtsdrall der NOZ folgt, bleibt bislang weitgehend unbelegt. Vor allem blendet diese These aus, dass in einer großen Redaktion mit zwei Chefredakteuren und zahlreichen Autoren nahezu täglich Positionen und Kommentare veröffentlicht werden, die nicht in das aufgebaute und vielleicht auch herbeigewünschte Bild passen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang noch etwas anderes: Als der SPD-Politiker Frank Henning – politisch vermutlich aus Sicht vieler NOZ-Kritiker „einer der ihren“ – wenige Tage vor der Kommunalwahl wegen eines für ihn unangenehmen NOZ-Artikels dessen Autorin öffentlich als „ätzend“ bezeichnete und ihre Frisur zum Gegenstand seiner Kritik machte, war von der sonst ausgesprochen medienkritischen Initiative öffentlich nichts zu hören. Das ist deshalb bemerkenswert, weil sich hier genau jene Frage stellte, die eine Initiative zur kritischen Begleitung von Medien eigentlich interessieren müsste: Wie weit darf Kritik an journalistischer Arbeit gehen – und wo wird aus der Auseinandersetzung mit einem Artikel ein persönlicher Angriff auf den Menschen, der ihn geschrieben hat? Diese Frage stellte sich an diesem Nachmittag sogar noch einmal in eigener Sache. Ein Teilnehmer der Demonstration entdeckte den Autor dieses Artikels bei seiner Arbeit und bezeichnete ihn über sein Megafon lautstark als „Rechtspopulisten“. Natürlich ist ein solcher Zuruf nicht mit dem unangenehmen Verhalten des als „[Aktivist Mann](https://www.deutschlandfunk.de/afd-vorstand-stellt-auflagen-fuer-streamer-aktivist-mann-100.html)“ bekannten Streamers gleichzusetzen, dem unter anderem minutenlanges Bedrängen und Beleidigen von Journalisten vorgeworfen wird. Für einen kurzen Moment erinnerte die Methode dennoch daran: Statt sich mit journalistischer Arbeit auseinanderzusetzen, wurde der Journalist vor den Umstehenden politisch etikettiert und markiert. __ Hinweis: Der Autor ist Diplom-Medienwissenschaftler. Zu den wissenschaftlichen Methoden der Medienforschung gehören unter anderem Inhaltsanalysen und die Untersuchung der Wahrnehmung und Wirkung journalistischer Inhalte. --- Quelle: HASEPOST – Die Zeitung für Osnabrück