# Forscher warnen: EU-Pestizidreform schwächt Gesundheits- und Umweltschutz Datum: 19.06.2026 16:19 Kategorie: Deutschland & die Welt URL: https://hasepost.de/forscher-warnen-eu-pestizidreform-schwaecht-gesundheits-und-umweltschutz-724124/ --- Wissenschaftler von 27 europäischen Forschungseinrichtungen warnen vor einer Schwächung des Schutzes von Mensch und Umwelt durch ein geplantes Omnibus-Gesetzespaket der EU-Kommission zur Zulassung von Pestiziden. In einem Beitrag im „Policy Forum“ der Fachzeitschrift „Science“ kritisiert die Autorengruppe unter Leitung von Dimitry Wintermantel von der Universität Freiburg und Julia Osterman von der Universität Göteborg insbesondere Pläne für unbegrenzte Wirkstoffzulassungen und längere Übergangsfristen. ## Forschungsteam warnt vor Abschaffung regelmäßiger Neubewertungen Derzeit sind Pestizid-Wirkstoffe auf EU-Ebene in der Regel für zehn Jahre zugelassen. Nach Ablauf dieser Frist können Hersteller eine Weiterzulassung beantragen und müssen dabei Daten zur Sicherheit des Wirkstoffs vorlegen, der dann eine erneute Risikoanalyse durchläuft. Die Wissenschaftler bemängeln, dass mit dem geplanten Omnibus-Paket die meisten Wirkstoffe unbegrenzt zugelassen würden und die regelmäßige Neubewertung entfallen würde. Problematisch sei dabei, dass es nach der Zulassung weder ein systematisches Monitoring gebe, das Pestizid-Risiken aufdecke, noch einen Mechanismus, der daraufhin automatisch eine Nachprüfung auslöse. Zudem erfolge dadurch eine Beweislastumkehr vom Hersteller zu den Behörden. „Das Omnibus-Paket würde die regelmäßige Neubewertung von Pestizid-Wirkstoffen weitgehend abschaffen und bestehende Schwachstellen der Risikoabschätzung vor der Marktzulassung unkorrigiert lassen“, sagte dazu Dimitry Wintermantel in „Science“. „Das erhöht die Risiken von Pestiziden für die Biodiversität und die menschliche Gesundheit. Wir sind der Auffassung, dass das Paket damit eindeutig das Vorsorgeprinzip untergräbt und europäischen und internationalen Umweltschutzzielen entgegenwirkt.“ In der Praxis habe sich die regelmäßige Neubewertung nach Darstellung der Forscher als wichtiges Instrument erwiesen. „Seit 2011 haben 59 Wirkstoffe aufgrund von Gesundheits- oder Umweltbedenken keine Neu-Zulassung erhalten“, sagte Wintermantel laut „Science“. ### Befürchtete Folgen für Zulassungspraxis in der EU Zuständig für die Zulassung der Pestizid-Wirkstoffe ist die EU, während die einzelnen Pestizid-Produkte auf nationaler Ebene der Mitgliedsstaaten genehmigt werden. Nach Einschätzung der Forscher würde das Omnibus-Paket dazu führen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse auch bei der Zulassung solcher Produkte weniger einbezogen würden. Bislang müssen EU-Mitgliedsstaaten dabei den aktuellen Stand der Wissenschaft berücksichtigen. Das Paket würde dies zwar formal nicht aufheben, jedoch neu definieren: Als maßgeblich gelte künftig der Wissensstand der letzten EU-Wirkstoffprüfung, der bei unbegrenzter Zulassung weit zurückliegen könne. Erhält ein Pestizid-Wirkstoff keine erneute Zulassung, dürfen Produkte, die ihn enthalten, nach der derzeitigen Verordnung noch bis zu 18 Monate lang aufgebraucht werden. Das Omnibus-Paket würde diese Übergangsfrist auf bis zu drei Jahre verlängern – auch wenn der Wirkstoff seine Zulassung wegen Gesundheits- oder Umweltbedenken verloren habe, solange diese nicht als unmittelbar und schwerwiegend eingestuft würden. ### Kritik an Innovationsanreizen und Forderung nach Reformen „Entgegen dem Ziel des Omnibus-Vorschlags, Innovation zu fördern, birgt der Vorschlag vielmehr das Risiko, Innovationsanreize zu schwächen“, sagte Julia Osterman laut „Science“. „Wenn ältere Produkte länger auf dem Markt verbleiben und keiner regelmäßigen Überprüfung mehr unterliegen, verringert sich der Druck, sicherere und innovativere Alternativen zu entwickeln.“ Um Zulassungsprüfungen zu beschleunigen und hohe Schutzstandards zu sichern, sollten nach Ansicht der Wissenschaftler nicht die Antragsteller selbst auswählen, welcher Mitgliedsstaat Pestizide bewerte. Stattdessen solle die EU die Aufgabe nach Expertise verteilen. Zudem müsse die EU Bewertungskriterien vereinheitlichen und die Beweislast klar bei den Pestizidherstellern verankern. Ferner plädiert die Autorengruppe in „Science“ dafür, Zulassungsstudien öffentlich zugänglich zu machen, um unabhängige Nachforschungen zu ermöglichen. Um mögliche Risiken nach der Zulassung aufzudecken, sollten Anwendungsdaten mit bestehendem Monitoring – etwa zu Bestäubern – verknüpft werden. Solche Anwendungsdaten erheben Landwirte den Angaben zufolge bereits jetzt. Zusätzlich sollten verstärkt Pestizidrückstände in der Umwelt gemessen werden. Die gemeinsame Analyse dieser Daten würde nach Auffassung der Wissenschaftler Pestizide mit hohem Gefahrenpotenzial aufdecken und gezielte Nachprüfungen ermöglichen. Mit diesen Maßnahmen, so ihr Fazit in „Science“, ließe sich die Zulassung von Pestiziden wissenschaftlich fundierter, transparenter und effizienter gestalten, ohne das Vorsorgeprinzip oder europäische Umweltschutzziele auszuhebeln. ✨ mit KI bearbeitet --- Quelle: Hasepost.de - Die Zeitung für Osnabrück