Ein Gastbeitrag von Tom Seybold im Rahmen von HASEPOST mitgeschrieben.
Um die Verpackungssteuer wird in Osnabrück heftig gestritten. Nur eines fehlt in der ganzen Debatte fast vollständig: Zahlen. Stattdessen entsteht der Eindruck, ein stadtweites Mehrwegsystem sei am Ende für alle kostenlos. Nutze Mehrweg, zahle keine Steuer, fertig.
Ich bin kein Kämmerer und kein Steuerberater. Aber genau dieser Satz hat mich neugierig gemacht. Also habe ich versucht, eine Prognose zu wagen: Was kommt an Kosten auf die Bürgerinnen und Bürger zu, wenn am Ende irgendein System umgesetzt wird?
Hier ist die Rechnung. Knallhart transparent, Schritt für Schritt. Jede Annahme liegt offen, jede Zahl ist nachrechenbar. Wer bessere Zahlen hat, setzt sie ein und rechnet weiter.
Stand: Juli 2026. Prognose auf Basis offengelegter Annahmen, keine amtliche Kalkulation.
0. Grundannahmen
Einwohner Osnabrück 168.000
Einwohner Deutschland 83.500.000 (Destatis, 31.12.2025)
Umrechnungsfaktor 168.000 / 83.500.000 = 0,2012 %
Steuersätze (Satzung): Becher/Getränkeverpackung 0,50 €
Geschirr/Lebensmittelverpackung 0,50 €
Besteck-Set 0,20 €
Mehrwertsteuer: Speisen 7 %, Getränke 19 %
1. Mengengerüst: von Deutschland nach Osnabrück
Die bundesweiten Zahlen sind, außer beim Döner und Burger, Mengen an Einwegverpackungen. Bei Döner und Burger ist es die Zahl der verkauften Produkte; besteuert wird die Verpackung. Je Artikel zählt nur die eigene Verpackung, Pommes und Getränke laufen über ihre eigenen Zeilen, damit nichts doppelt gezählt wird.
Nur Kaffee ist gut belegt. Burger ist eine grobe Marktschätzung (die oft zitierten 2,4 Mrd sind die weltweite McDonald’s-Zahl, nicht Deutschland). Alles Übrige sind offengelegte Schätzungen, die unteren mit hoher Unsicherheit.
Schritt 1a, bundesweite Jahresmenge × Faktor, dann Schritt 1b × 75 % (höchstens drei Viertel sind steuerpflichtiger Verbrauch; der Rest: Ausnahmen wie Ehrenamt und Rücknahme nach § 5, im Handel abgepackte Ware, Verzehr außerhalb des Stadtgebiets, Sicherheitsabschlag. Vor-Ort-Verzehr in Einweg ist dagegen steuerpflichtig nach § 1 und bleibt in der Menge enthalten):
Kategorie DE (Mrd) Qualität OS × 75 % Kaffeebecher (heiß) 2,8 hoch 5.633.533 4.225.150 Döner 1,3 niedrig 2.615.569 1.961.677 Burger (Box) 1,3 mittel-niedrig 2.615.569 1.961.677 Currywurst/Pommes 1,3 niedrig-mittel 2.615.569 1.961.677 Bäckerei-Snack 1 niedrig 2.011.976 1.508.982 Kaltgetränkebecher 0,8 sehr niedrig 1.609.581 1.207.186 Pizza (Karton) 0,6 niedrig 1.207.186 905.389 Eislöffel (Besteck) 0,375 niedrig 754.491 565.868 Asia/Nudelbox 0,3 sehr niedrig 603.593 452.695 Salatschale 0,3 sehr niedrig 603.593 452.695 Eisbecher 0,29 niedrig 583.473 437.605 Sushi-Box 0,15 sehr niedrig 301.796 226.347 Suppenbecher 0,15 sehr niedrig 301.796 226.347 ------------------------------------------------------------------- SUMME steuerpflichtig 10,665 rund 16,1 Mio
Zur Einordnung: Dieses Bottom-up landet bei rund 16,1 Mio. steuerpflichtigen Teilen und damit in derselben Größenordnung wie die „mehr als 19 Millionen“ der Deutschen Umwelthilfe, sogar etwas darunter. Eine unabhängige Bestätigung ist das nicht, beide Wege skalieren letztlich Bundeszahlen auf Einwohner herunter. Aber zwei getrennte Rechnungen, die beide im unteren zweistelligen Millionenbereich landen, sprechen für die Größenordnung.
Der 75-%-Faktor ist eine Setzung. Mit 50 % wären es rund 10,7 Mio Teile, mit 90 % rund 19,3 Mio. Alle Modellsummen skalieren proportional mit.
2. Mehrbelastung der Bürgerinnen und Bürger pro Artikel (Steuer inkl. MwSt)
Die Steuer zahlt der Betrieb, gibt sie aber über den Preis weiter. Auf den Aufschlag kommt die Mehrwertsteuer des Produkts.
Die Mehrwertsteuer richtet sich nach dem Produkt, nicht nach der Verpackung (unselbständige Nebenleistung): To-go-Getränke 19 %, To-go-Speisen 7 %. Ein Menü mischt beide Sätze.
Kaffeebecher (Getränk) 0,50×1,19 = 0,595 € (Steuer netto 0,50 €) Döner (Papier + Alufolie) 0,50×1,07 + 0,50×1,07 = 1,070 € (Steuer netto 1,00 €) Bratwurst (Speise) 0,50×1,07 = 0,535 € (Steuer netto 0,50 €) Eisbecher + Löffel (Speise) 0,50×1,07 + 0,20×1,07 = 0,749 € (Steuer netto 0,70 €) Currywurst + Pommes (Speise) 0,50×1,07 + 0,20×1,07 = 0,749 € (Steuer netto 0,70 €) Burger-Menü (Speise + Getränk) 0,50×1,07 + 0,50×1,07 + 0,20×1,07 + 0,50×1,19 = 1,879 € (Steuer netto 1,70 €)
Abgleich mit der Presse: Kaffee deckt sich exakt (IHK: 2,00 auf 2,59 €, +0,59 €; McDonald’s mit Löffel +0,83 €). Beim Menü nennt die Presse +2,02 € (pauschal 19 %); mit dem korrekten Satz für Speisen (7 %) sind es +1,88 €.
Beim Döner dürften Papier und Alufolie als zwei Verpackungen zählen, macht netto 1,00 € Steuer (rund 1,07 € mit MwSt). So deutet es der städtische Fachbereich Recht an (Satzungsvorlage VO/2026/5389), endgültig entschieden ist das nicht. Zählt nur eine Verpackung, sinkt Modell 2 um rund 1 Mio €.
Anders als Tübingen kennt die Osnabrücker Satzung keinen Deckel pro Mahlzeit (Tübingen: höchstens 1,50 € je Einzelmahlzeit). Deshalb kann ein Menü hier mehr als 1,50 € Steuer auslösen. Das Bundesverfassungsgericht hat die Tübinger Satzung mit Deckel gebilligt; ob die Osnabrücker Fassung ohne Deckel hält, ist offen.
Randnotiz: Getränke mit über 75 % Milchanteil (z. B. Latte macchiato) fallen unter 7 % MwSt, der Aufschlag läge dort bei 0,535 € statt 0,595 €.
3. Was ein Mehrwegsystem pro Teil kostet
3.1 Systemgebühr, zwei belegbare Varianten
Zwei Anbieter mit öffentlich dokumentierten Preisen als Unter- und Obergrenze. Recup nennt Konditionen nur auf Anfrage und fällt als Beleg aus.
Untergrenze reCIRCLE (Deutsche Umwelthilfe): Becher 8,0 ct | Schale 13,5 ct Obergrenze Relevo (Preise offen online): Becher 12,5 ct | Schale 25,0 ct Eigene Ansätze auf Relevo-Niveau: Besteck-Set 8,0 ct | Pizzakarton 30,0 ct (nicht öffentlich gelistet, so in 3.6 verrechnet)
3.2 Spülen, Wasser/Strom/Chemie (~0,17 € pro Korb)
Gerechnet mit einer gewerblichen Gastrospülmaschine, keinem Haushaltsgerät. Pro Teil sind das nur wenige Cent, der kleinste Posten.
3.3 Arbeitszeit, der größte Posten
Ein Spülgang (ein Korb) umfasst Pfandrücknahme, Sammeln, Ausklopfen, Einsortieren, Maschine, Einräumen und dauert rund 7 Minuten.
Wie viele Teile in einen Korb passen, hängt von der Form ab. Angesetzt sind je Korb: rund 25 Becher (Kaffee, Kaltgetränke), 36 Eisbecher, 150 Löffel, 20 Bäckertüten und Suppenbecher, 15 flache Schalen (Currywurst/Pommes, Salat), 12 Sushi-Boxen, 10 hohe Boxen (Döner, Burger, Asia) und 5 Pizzakartons.
7 Min = 7/60 h × 16 €/h = 1,867 € pro Korb (voller Zeitaufwand) davon 60 % echte Mehrarbeit = 1,120 € pro Korb
Die 60 % erklären sich so: Ein Teil des Spülens läuft in ohnehin bezahlten Leerlaufzeiten nebenher. Echtes zusätzliches Geld kostet nur die Arbeit, für die jemand länger bleibt oder neu eingestellt wird. Das ist die weichste Annahme des Modells.
3.4 Abschreibung der Spülmaschinen (neue UND vorhandene)
Keine Haushaltsgeräte, sondern gewerbliche, teils industrielle Spülmaschinen. Teuer in der Anschaffung, aber lebensmittelrechtlich (DIN 10510, HACCP) zwingend. Auch vorhandene Geräte nutzen sich ab, deshalb Abschreibung auf alle spülenden Betriebe.
Zahl der Betriebe mit Einweg-Ausgabe: rund 390 Restaurants, über 100 Verkaufsstellen des Lebensmittelhandwerks, dazu Imbisse, Dönerläden, Kioske und Tankstellen. Nicht alle spülen selbst; kleine Stände und Marktbeschicker laufen über das zentrale System (3.5). Angesetzt: rund 400 selbst spülende Betriebe.
400 Betriebe × (4.000 € / 8 Jahre + 400 € Wartung) = 360.000 € / Jahr In-House-Teile (75 % der Menge) = 12.069.970 Abschreibung pro Teil = 360.000 / 12.069.970 = 0,030 € (~3,0 ct)
3.5 Zentrales Spülsystem für kleine Imbisse und Jahrmärkte (~25 %)
Zusatz zentral pro Teil = Transport 0,15 € + zentrale Reinigung 0,12 € = 0,27 €
3.6 Vollkosten pro Teil (Obergrenze Relevo, Mischung 75 % vor Ort / 25 % zentral)
Kategorie vor Ort zentral Mischung Kaffeebecher (heiß) 0,206 0,395 0,254 Döner 0,409 0,520 0,437 Burger (Box) 0,409 0,520 0,437 Currywurst/Pommes 0,366 0,520 0,404 Bäckerei-Snack 0,344 0,520 0,388 Kaltgetränkebecher 0,206 0,395 0,254 Pizza (Karton) 0,588 0,570 0,583 Eislöffel (Besteck) 0,118 0,350 0,176 Asia/Nudelbox 0,409 0,520 0,437 Salatschale 0,366 0,520 0,404 Eisbecher 0,191 0,395 0,242 Sushi-Box 0,387 0,520 0,420 Suppenbecher 0,344 0,520 0,388
Mit der Untergrenze reCIRCLE liegen die Werte entsprechend niedriger; die Summen stehen in Modell 4.
4. Vier stadtweite Modelle (Euro pro Jahr)
Modell 1, aktuell (nur Einweg-Einkauf)
Kaffeebecher (heiß) 4.225.150 × 0,11 = 464.766 € Döner 1.961.677 × 0,08 = 156.934 € Burger (Box) 1.961.677 × 0,12 = 235.401 € Currywurst/Pommes 1.961.677 × 0,06 = 117.701 € Bäckerei-Snack 1.508.982 × 0,03 = 45.269 € Kaltgetränkebecher 1.207.186 × 0,11 = 132.790 € Pizza (Karton) 905.389 × 0,35 = 316.886 € Eislöffel (Besteck) 565.868 × 0,015 = 8.488 € Asia/Nudelbox 452.695 × 0,12 = 54.323 € Salatschale 452.695 × 0,1 = 45.269 € Eisbecher 437.605 × 0,08 = 35.008 € Sushi-Box 226.347 × 0,15 = 33.952 € Suppenbecher 226.347 × 0,08 = 18.108 € SUMME Modell 1 1.664.898 € ~ 1,66 Mio €
Modell 2, mit Verpackungssteuer (alles Einweg)
Kaffeebecher (heiß) 4.225.150 × 0,61 = 2.577.341 € Döner 1.961.677 × 1,08 = 2.118.611 € Burger (Box) 1.961.677 × 0,62 = 1.216.240 € Currywurst/Pommes 1.961.677 × 0,56 = 1.098.539 € Bäckerei-Snack 1.508.982 × 0,53 = 799.760 € Kaltgetränkebecher 1.207.186 × 0,61 = 736.383 € Pizza (Karton) 905.389 × 0,85 = 769.581 € Eislöffel (Besteck) 565.868 × 0,215 = 121.662 € Asia/Nudelbox 452.695 × 0,62 = 280.671 € Salatschale 452.695 × 0,6 = 271.617 € Eisbecher 437.605 × 0,58 = 253.811 € Sushi-Box 226.347 × 0,65 = 147.126 € Suppenbecher 226.347 × 0,58 = 131.281 € SUMME Modell 2 10.522.622 € ~ 10,52 Mio € davon reine Verpackungssteuer: 8.857.725 € ~ 8,86 Mio €
Zum Abgleich mit der Realität: Tübingen, das Vorbild der Osnabrücker Satzung, hat mit der Steuer rund 1 Mio € im ersten Jahr eingenommen, danach 600.000 bis 730.000 €, bei rund 92.000 Einwohnern. Auf Tübingen heruntergerechnet ergäbe dieses Mengengerüst dort rund 8,8 Mio steuerbare Teile. Im Steuerbescheid aufgetaucht sind 1,2 bis 2,0 Mio. Nur etwa jedes fünfte Teil wird also tatsächlich besteuert. Woran liegt das? Zum Teil sicher an Mehrweg, das in Tübingen sichtbar angeboten wird. Aber eben nur zum Teil: McDonald’s meldet in keiner der drei Steuerstädte eine gestiegene Mehrweg-Nachfrage, und eine Tübinger Dissertation fand keinen Gewichtsrückgang im Müll. Der größere Rest der Lücke liegt woanders: bei den Ausnahmen (Tübingen besteuert nicht einmal die Drive-ins), beim Ausweichen ins Umland, beim Verzicht und bei einer Selbstdeklaration, die laut Osnabrücker Verwaltungsvorlage kaum kontrollierbar ist. Überträgt man diese Quote auf Osnabrück, kommen 1,0 bis 1,8 Mio € Steuer heraus, die städtische Million ist also als Einnahme plausibel. Nur beschreibt sie nicht die Belastung, sondern den Rest, der nach Umstieg, Ausweichen, Ausnahmen und Meldepraxis übrig bleibt. Die Kosten der Modelle 2 bis 4 entstehen davor, bei den Betrieben und Kunden. Und eine Steuer, die real vor allem der Ehrliche zahlt, hat neben dem Kosten- auch ein Gerechtigkeitsproblem.
Modell 3, halb Mehrweg / halb Steuer
Untergrenze (reCIRCLE): 0,5 × 10.522.622 + 0,5 × 4.388.937 = 7.455.779 € ~ 7,46 Mio € Obergrenze (Relevo): 0,5 × 10.522.622 + 0,5 × 5.767.090 = 8.144.856 € ~ 8,14 Mio €
Modell 4, komplettes Mehrwegsystem (kein Einweg, keine Steuer)
Kaffeebecher (heiß) 4.225.150 × 0,254 = 1.071.369 € Döner 1.961.677 × 0,437 = 856.506 € Burger (Box) 1.961.677 × 0,437 = 856.506 € Currywurst/Pommes 1.961.677 × 0,404 = 793.242 € Bäckerei-Snack 1.508.982 × 0,388 = 585.854 € Kaltgetränkebecher 1.207.186 × 0,254 = 306.106 € Pizza (Karton) 905.389 × 0,583 = 528.177 € Eislöffel (Besteck) 565.868 × 0,176 = 99.774 € Asia/Nudelbox 452.695 × 0,437 = 197.655 € Salatschale 452.695 × 0,404 = 183.056 € Eisbecher 437.605 × 0,242 = 105.789 € Sushi-Box 226.347 × 0,420 = 95.178 € Suppenbecher 226.347 × 0,388 = 87.878 € SUMME Obergrenze (Relevo) 5.767.090 € ~ 5,77 Mio € SUMME Untergrenze (reCIRCLE) 4.388.937 € ~ 4,39 Mio €
5. Wer trägt Schwund und Ersatz?
Verlorene oder nicht zurückgegebene Behälter ersetzt der Systemanbieter und finanziert das über nicht eingelöstes Pfand. Beim Becher geht das auf (rund 1 € Pfand, rund 1 € Herstellkosten). Bei der teuren Dönerbox (Beschaffung 3–5 €, politisch durchsetzbares Pfand eher 2–5 €) bleibt eine Lücke, die in die Systemgebühr wandert. Deshalb ist die Geschirrbeschaffung oben nicht separat angesetzt, sie steckt bereits in der Systemgebühr.
6. Die vier Zahlen und was sie bedeuten
| Modell | Verpackungskosten pro Jahr | pro Einwohner |
|---|---|---|
| 1, aktuell (Einweg) | 1,66 Mio € | rund 10 € |
| 2, mit Verpackungssteuer | 10,52 Mio € | rund 63 € |
| 3, halb Mehrweg / halb Steuer | 7,46 bis 8,14 Mio € | rund 44 bis 48 € |
| 4, komplettes Mehrwegsystem | 4,39 bis 5,77 Mio € | rund 26 bis 34 € |
Was heißt das, jenseits der Tabelle?
Heute kostet die Verpackung für all das die Osnabrücker Betriebe rund 1,66 Mio € im Jahr, umgerechnet etwa 10 € pro Einwohner. Das ist der Status quo, den niemand als Problem empfindet, weil er im Preis längst eingebaut ist.
Mit der Verpackungssteuer, wenn alle beim Einweg bleiben und jede Verpackung gemeldet wird, springt der Betrag auf rund 10,52 Mio €, also grob 63 € pro Einwohner und Jahr. Davon wären rund 8,86 Mio € reine Steuer. Das ist eine Obergrenze, kein Prognosewert: Der Tübingen-Abgleich zeigt, dass real nur etwa jedes fünfte Teil im Steuerbescheid landet, was für Osnabrück auf 1,0 bis 1,8 Mio € Steueraufkommen hinausläuft. Teuer bleibt dieser Weg trotzdem, denn die Belastung entsteht vor dem Bescheid, bei Betrieben und Kunden.
Bleibt der Ausweg Mehrweg. Er ist tatsächlich billiger als die Steuer, rund 4,39 bis 5,77 Mio € im Jahr, etwa 26 bis 34 € pro Einwohner. Aber, und das ist der Punkt, den das Wort „kostenlos“ verschweigt: Das ist immer noch rund das 2,6- bis 3,5-fache von heute. Der Betrieb, der brav umstellt, zahlt nicht null, sondern mehr als jetzt.
Und am Ende bezahlt immer derselbe: der Kunde. Der Betrieb zahlt zuerst, an den Systemanbieter, an die Spülkraft, ans Finanzamt. Aber er kann das Geld nur an drei Stellen wieder hereinholen: beim Preis, bei der eigenen Marge oder gar nicht mehr, dann macht er zu. Höhere Preise zahlt der Kunde direkt an der Theke. Die Marge zahlt er indirekt, über weniger Auswahl, kürzere Öffnungszeiten, den Imbiss, der irgendwann fehlt. Und springt die Stadt mit Zuschüssen ein, zahlt er als Steuerzahler. Drei Taschen, ein Bürger. Die ehrliche Frage ist deshalb nicht, ob es etwas kostet, sondern aus welcher seiner Taschen. Und solange niemand das offen sagt, ist das Versprechen, es koste niemanden einen Cent mehr, kein Versprechen, sondern ein schöner Satz.
7. Annahmen & Quellen
Dieses Blatt ist eine Überschlagsrechnung mit offengelegten Annahmen, keine amtliche Kalkulation. Reale Werte hängen von Betriebsart, Korbgeometrie, Systemwahl und Schwund ab.
Kernannahmen: höchstens 75 % der bundesweiten Menge sind steuerpflichtiger Verbrauch; Spülen 0,17 € pro Korb; Arbeit 7 Minuten pro Korb à 16 €/h, davon 60 % echte Zusatzkosten; Abschreibung rund 400 spülende Betriebe à 4.000 € über 8 Jahre plus 400 € Wartung; zentrales Spülen für 25 % der Menge mit 0,27 € Zusatzkosten pro Teil.
Quellen:
- Einwohnerzahlen: Statistisches Bundesamt (Destatis), Stand 31.12.2025; Stadt Osnabrück.
- Steuersätze und Steuertatbestände: Verpackungssteuersatzung der Stadt Osnabrück vom 30.06.2026, § 1 und § 4.
- Döner mit Papier und Alufolie voraussichtlich als zwei Verpackungen (2 × 0,50 €): Satzungsvorlage VO/2026/5389 sowie NOZ, „Welche Verpackung in Osnabrück wie besteuert werden könnte“.
- Erwartete Steuereinnahme (rund 1 Mio €) und ihre Herleitung (Übertragung von Tübingen, keine konkrete Schätzung möglich): Satzungsvorlage VO/2026/5389.
- Kaffeebecher (2,8 Mrd/Jahr): Umweltbundesamt, TEXTE 29/2019; Deutsche Umwelthilfe.
- Currywurst (800 Mio/Jahr): Deutsches Currywurst Museum. Die Tabellenzeile Currywurst/Pommes (1,3 Mrd) umfasst zusätzlich separat verkaufte Pommes- und Imbissportionen, eigene Schätzung. Döner (1,1–1,8 Mrd/Jahr): Die Linke 2024. Döner beliebter als Currywurst: YouGov 2025.
- Tübinger Steueraufkommen: ca. 1 Mio € (2022), ca. 600.000 bis 730.000 € (2023); Stadt Tübingen / Kommunalfinanzen-BW.
- Keine gestiegene Mehrweg-Nachfrage in den Steuerstädten: Aussage McDonald’s Deutschland (NOZ).
- Kein Gewichtsrückgang im öffentlichen Müll: Dissertation Universität Tübingen.
- Burger: Marktschätzung auf Basis McDonald’s Deutschland (Umsatz rund 4,8 Mrd €, rund 1.430 Filialen 2024, Statista); ausdrücklich nicht die weltweite Zahl.
- Mehrweg-Systemgebühren: reCIRCLE (über Deutsche Umwelthilfe, 8 / 13,5 ct), Relevo (relevo.app, 12,5 / 25 ct).
- Einweg-Einkaufspreise: Großhandel Nord-Pack (netto).
- Spülkosten (Wasser, Strom, Chemie): ÖKO-TEST; Wasserverbrauch gewerblicher Maschinen: Winterhalter. Reale Weitergabe der Systemkosten: Studierendenwerk Dortmund, 30 ct pro Ausleihe (stwdo.de).
- Mengengerüst Eis, Kaltgetränke, Pizza, Bäckerei-Snack, Asia, Salat, Sushi, Suppe: eigene Herleitungen und Schätzungen mit teils hoher Unsicherheit.
Dieser Artikel erscheint im Rahmen von HASEPOST mitgeschrieben als Gastbeitrag und gibt ausschließlich die Meinung seiner Verfasserin oder seines Verfassers wieder.