# „Der Medicus“ auf der Freilichtbühne Tecklenburg ist ein Musicalepos mit großem Schauwert Datum: 27.07.2026 17:42 Kategorie: Aktuell URL: https://hasepost.de/der-medicus-auf-der-freilichtbuehne-tecklenburg-ist-ein-musicalepos-mit-grossem-schauwert-735979/ --- Eine Reise vom düsteren mittelalterlichen London bis ins prachtvolle Persien, ein 26-köpfiges Orchester und eine Geschichte über einen jungen Mann, der sein Leben der Heilkunst verschreibt: Mit „Der Medicus“ bringen die Freilichtspiele Tecklenburg in diesem Sommer einen der bekanntesten historischen Romane auf ihre große Open-Air-Bühne. Die Musicalfassung von Iván Macias und Félix Amador nach dem Bestseller von Noah Gordon setzt dabei auf opulente Bilder, sinfonische Musik und eine starke Besetzung – muss sich aber zunächst durch einige erzählerische Längen kämpfen. ### Ein packender Musicalabend Rob Coles Weg führt von seiner Kindheit über die Lehrjahre bei einem fahrenden Bader bis an die berühmte Medizinschule im persischen Isfahan. Gerade der erste Teil dieser Reise gerät allerdings zu ausführlich. Trotz einer Spielzeit von knapp drei Stunden in der bereits gestrafften Fassung nehmen Kindheit und Baderzeit viel Raum ein, ohne dass die Handlung entscheidend vorankommt. Erst mit der Ankunft in Isfahan gewinnt das Geschehen merklich an Dynamik. Regisseur Werner Bauer gelingt es dennoch, aus dem umfangreichen Stoff einen packenden Musicalabend zu formen. Schon die Körperhaltung des Ensembles erzählt von zwei unterschiedlichen Welten: Im düsteren, von Krankheit und Armut gezeichneten London schleppen sich die Menschen gebeugt durchs Leben, im kulturell blühenden Isfahan bewegen sie sich aufrecht und beinahe grazil. Besonders einprägsam wird es, wenn bei Robs geheimnisvoller Vorahnung eines Todes Gevatter Tod sichtbar neben dem Betroffenen erscheint. Ein weiterer Höhepunkt ist das Schachspiel zwischen Rob und dem Schah, bei dem überlebensgroße menschliche Figuren das Brett bevölkern. Bart De Clercqs Choreografie greift Bauers Ideen konsequent auf und wird zum erzählerischen Bestandteil der Inszenierung. ### Sinfonische Klangwelten dominieren Musikalisch setzt Komponist Iván Macias auf sinfonische Klangwelten. Unter der Leitung von Juheon Han entwickelt das 26-köpfige Orchester eine enorme Wucht, ohne die lyrischen Momente zu überrollen. Eine derart große Besetzung ist im kommerziellen Musical längst keine Selbstverständlichkeit – und unter freiem Himmel beeindruckt umso mehr, mit welcher Fülle und Balance sich die Partitur entfaltet. Auch optisch schöpft Tecklenburg aus dem Vollen. Jens Jankes detailreiches Bühnenbild lässt zunächst ein raues mittelalterliches London aus Stein und Holz entstehen, bevor sich der Raum zum prachtvollen Isfahan öffnet. Fabienne Anks Kostüme gehören zu den Höhepunkten des Abends: Der dunklen Trostlosigkeit Englands setzt sie in Persien helle Stoffe, intensive Farben und glitzernde Verzierungen entgegen. Besonders die Schachfiguren, der Schah und die persischen Tänzerinnen werden zu Blickfängen. ### Starke Besetzung Im Zentrum steht Thomas Hohler, der Rob Coles Entwicklung vom lebensfrohen Jungen zum wissbegierigen Schüler und schließlich angesehenen Arzt glaubhaft zeichnet. Seine markante Stimme trägt auch die anspruchsvolle Partie souverän. Navina Heyne überzeugt als Mary Cullen mit starker Bühnenpräsenz und klarem Gesang, Wolfgang Höltzel gibt Avicena Würde und menschliche Wärme. Gerben Grimmius stattet den Schah mit Autorität und unterschwelliger Bedrohlichkeit aus, während Mathias Meffert als Quandrasseh seinen skrupellosen Gegenspieler genüsslich ausspielt. Zum heimlichen Star entwickelt sich jedoch Benjamin Eberling als Bader. Er ist einerseits Scharlatan und andererseits Ersatzvater für Rob – eine Mischung, die Eberling mit Witz und Herz wunderbar auskostet. Auch die kleineren Rollen sind überzeugend besetzt: Lisa Kolada als Robs Mutter oder Jan Altenbockum als Merlin zum Beispiel. Michael Berres, Jürgen Brehm, Tim Grimme, Niklas Roling und Christian Rosprim füllen dagegen die Studienzeit in Isfahan mit Leben. ### Großer Freilichttheaterabend So wird „Der Medicus“ in Tecklenburg zu einem großen Freilichttheaterabend. Werner Bauer und Bart De Clercq finden starke Bilder für Noah Gordons Geschichte, das Orchester liefert die musikalische Wucht, Ausstattung und Ensemble sorgen für Opulenz. Vor allem nach der Ankunft in Isfahan spielt die Produktion ihre Qualitäten voll aus – und macht aus dem historischen Stoff eindrucksvolles Sommertheater. --- Quelle: Hasepost.de - Die Zeitung für Osnabrück